Welcome to
THE BATES
Motel (UA)
„Als würde ein alter Freund mich besuchen kommen“
Dramaturgin Sara Dec im Gespräch mit Dominique Schnizer (Regisseur) und Frank Klubescheidt (Gründungsmitglied The Bates)
Sara Dec (S): Klube, Du hast Dich eben während der Probe spontan ans Schlagzeug gesetzt und mit dem Ensemble gespielt. Machst Du noch Musik?
Klube (K): Das ist schon fünfzehn Jahre her, da hatte ich eine kleine Band. Als wir mit The Bates vor 25 Jahren Feierabend gemacht haben, habe ich sechs Jahre nicht getrommelt und keine Bates-Musik gehört. Keine Bates-Musik nach dem Zimbl. Wenn ich jetzt zwei Stunden trommeln würde, wäre ich einigermaßen drin.
S: Dominique, wie ist deine Verbindung zu The Bates? Woran erinnerst Du dich zuerst?
Dominique Schnitzer (D): An ein Kellerlokal in Graz, der Nachtexpress. Das gibt es heute noch, obwohl es auch schon über 25 Jahre her ist. Da saß oft eine Videojockey und hat die Musikvideos von Billie Jean und Hello von den Bates gespielt. Ich war damals schon ein richtiger Hitchcock-Fan und habe gerne melodischeren Punkrock gehört, ich bin sofort auf die Videos angesprungen. Woran ich mich auch sehr gut erinnern kann, ist Zimbls (Anm. d. Redaktion: Markus Zimmers) Gesicht in Nahaufnahme im Bille Jean Video, er strahlte etwas sympathisch-perverses aus. Diese Songs habe ich mir auch immer gewünscht, wenn ich in dem Lokal war. Mein erstes Bates Album war Pleasure + Pain, das ist bis heute mein Lieblingsalbum der Band: Die gleichzeitige Rohheit und Melancholie haben mich sehr angesprochen.
S: Klube, zum Stichwort Pleasure + Pain. Was war das für eine Zeit?
K: Pleasure + Pain, da fällt mir sofort Berlin ein. Forsterstraße, Wiener Straße und diese ganzen Läden, die in Kreuzberg in der Ecke am Görlitzer Bahnhof sind. Wir waren immer recht lange in Berlin, sechs, sieben Wochen mit Aufnahmen und Mix-Sessions. Da waren wir selig. Das erste selbstbetitelte Album The Bates bei Virgin Records, dann Pleasure + Pain und Psycho Junior – die haben wir alle drei in Berlin aufgenommen, im Vierklang Studio. Das rieche ich heute noch: Der Geruch von Berlin, von der Ecke. Das fällt mir sofort ein.
S: … und dann seid ihr in den frühen Neunzigern mit den genannten Coverversionen im Popkosmos gelandet. Das Ensemble covert beziehungsweise re-covert jetzt eure Songs. Wie ist das Gefühl, bei den Proben dabei zu sein?
K: Super nostalgisch erstmal, und hoch emotional. Als wir nach dem ersten Probenbesuch nach Hause gefahren sind, dachte meine Frau ,ach du Scheiße, was geht denn hier ab‘. Da sind so viele versteckte Anspielungen drin, gewissermaßen löst eine Gänsehaut die nächste ab.
D: Wie war deine Perspektive während dieser Fahrt?
K: Ich war total begeistert: Erst sitzt man am Tisch und führt einen Smalltalk, dann sieht man die Leute auf der Bühne – das ist überwältigend.
S: Dominique, wie bist Du bei der Stückentwicklung vorgegangen?
Was ist dein Anliegen?
D: Ich saß mit der ehemaligen Schauspieldirektorin Patricia Nickel-Dönicke zusammen und sie warf ein paar Ideen in den Raum: In Kassel müsste man was über The Bates machen. Schnell haben wir uns auf das Thema geeinigt und suchten nach einem Anlass. Mein Interesse für das Stück entwickelte sich dahingehend, dass es sich mit dem Sterben und vor allem mit dem Tod des Sängers auseinandersetzen sollte. Ich wollte das Thema mit Psycho von Hitchcock verbinden, weil dieser Film auch für mich eine Initialzündung war. Das Musikvideo von Billie Jean spielt mit dieser Referenz in aller Deutlichkeit. Ich hatte ein Bild von jemandem vor Augen, der nicht weiß, wer er ist und in diesem Bates Motel landet. Das wächst über die Jahre: Treffen, Interviews, Sekundärmaterial. Nach und nach entsteht eine Geschichte. Ab dem Moment, wo ich Klube mit seiner Frau, alle weiteren Bandmitglieder, die Mutter von Markus Zimmer sowie seine früheren Freundinnen getroffen habe, habe ich diese Lieder anders gehört. Du, Klube, hast mir bei einem unserer ersten Treffen erzählt, dass Markus Zimmer gesagt haben soll: „Wenn ich das singe, dann muss ich das auch selber schreiben.“ Da habe ich verstanden, dass er sicherlich ein Bewusstsein für seine Selbstzerstörung gehabt haben muss. Ein wichtiger Impuls, um die Bates Songs in diesen Abend einzubauen.
S: Dominique, welche Form hast Du für das Stück gewählt?
D: Innerhalb der Gespräche mit Wegbegleiter:innen ist mir aufgefallen, wie sehr sich Erinnerungen widersprechen. Das interessiert mich, weil sie nicht beweisbar sind und sich konstant verändern. Ich möchte dem Gefühl nachgehen, das in den Songs steckt und mich den Leuten aus diesem Kosmos annähern: Ich habe den Eindruck, dass rund um Eschwege, Reichensachsen und Jestädt viele Tragödien lauern. Es war ja kein Zufall, dass ihr euch für die Hauptfigur von Psycho entschieden habt. Der Anti-Held eines Thrillers auf der Suche nach seiner Identität ist für mich eine gute Ausgangsbasis.
S: Klube, wie kamt ihr auf den Bandnamen?
K: Bevor wir The Bates wurden, hießen wir Nuclear Graffiti. Das war nicht so wirklich der Bandname, hinter dem wir standen. Wir haben irgendwann Psycho geguckt und dann sagte der Zimbl: ,So, das ist es jetzt: The Ramones haben auch einen Familiennamen und wir heißen jetzt The Bates‘. Das war eine Begegnung, die hat irgendwie stattfinden müssen. Wir wurden süchtig nach uns selbst, haben teilweise acht, zehn Stunden lang im Jugendzentrum Musik gemacht. Gekifft, gesoffen und Musik gemacht – das Geilste, was man sich vorstellen konnte. Wenn der Tag rum war, haben wir uns auf den nächsten gefreut und wieder genau dieselbe Scheiße durchgezogen. Diese Energie entwickelst du halt auch, wenn du eine Vision hast. Deswegen waren wir irgendwann überzeugt, wir werden mal Rockstars.
S: Jetzt kommt ein großer Zeitsprung. Klube, wie gehst Du damit um, dass Zimbl seit 20 Jahren nicht mehr unter uns weilt?
K: Ich denke nach wie vor fast jeden Tag an ihn, wir haben uns versöhnt. Bei meinem ersten Job in Reichensachsen bin ich jeden Tag mit dem Fahrrad an seinem Grab vorbeigefahren. Ab und zu bin ich hin, habe ein Kippchen mit ihm geraucht, ein bisschen geschimpft oder erzählt, was gerade so abgeht. Im Laufe der Zeit habe ich Frieden gefunden.
S: Und for the record, was machst du heute?
K: Ja, ich arbeite mit Menschen mit Beeinträchtigung in einem Wohnheim und bin da Betreuer - ich darf mich sogar pädagogischer Mitarbeiter nennen, das mache ich aber nicht. Ich bin Betreuer und das sind 15 Leute, die in dem Haus wohnen, die kommen alleine nicht zurecht und mir hilft, die einfach zu unterstützen, wo es nicht weitergeht. Die sind so dankbar und auch so genügsam, das erwärmt mein Herz.
S: Dominique und Klube, wie war euer erstes Treffen?
K: Du hattest einen Hut auf und Socke, mein Hund, hat sich gleich zu Dir gesetzt.
D: Und dann saß ich da Stunden.
K: Ich will nicht auf Teufelkommraus imponieren, aber irgendwie war es, als würde ein alter Freund mich besuchen kommen, das ging ganz schnell.
D: Ich würde behaupten, es hat ein bisschen damit zu tun, dass wir viel über Gefühle gesprochen haben. Das ist oft interessanter.
K: Ja, wir haben anders über diese Sache geredet, das war neu. Als Dominique mir erzählte, wo die Theaterreise hingeht, habe ich gesagt, endlich macht mal einer eine Geschichte, eine Erzählung, wie sie noch nicht da ist. Das ist neu und ja, spannend.
"Die Annahme, dass legale Drogen weniger gefährlich seien als illegale, ist irreführend."
Interview mit der Drogenhilfe Nordhessen e.V.
Wie kann man sich die Arbeit der Drogenhilfe vorstellen? Gibt es Schwerpunkte, und falls ja, worin bestehen diese?
Die Drogenhilfe ist als Einrichtung der Suchthilfe sehr breit aufgestellt: Es finden sich darin niederschwellige Angebote wie Suchtberatung, Suchtprävention und sozialpädagogische Familienhilfe sowie Therapieangebote und Nachsorgeeinrichtungen. Je nach Arbeitsfeld variieren die inhaltlichen Schwerpunkte stark. Zum Beispiel sind Ziele der niederschwelligen Arbeit, Personen zu stabilisieren und allgemeine Lebenshilfe zu bieten, während Therapieeinrichtungen den Fokus auf den Ausstieg des Drogenkonsums anstreben.
Wie sieht die Arbeit des Vereins in Kassel konkret aus? Bringt der Winter zusätzliche Herausforderungen mit sich?
Die Drogenhilfe betreibt den Kontaktladen Café Nautilus, zwei Substitutionsambulanzen, Jugend- und Suchtberatung, eine Nachsorgeeinrichtung sowie eine Fachstelle für Suchtprävention. Zudem machen wir aufsuchende Angebote und bieten externe Drogenberatung in der JVA Kassel I an.
Am stärksten beeinträchtigt die kalte Jahreszeit die niederschwellige Arbeit, z.B. die Streetwork. Das Thema der Obdachlosigkeit steht durch die Kälte stärker im Fokus und somit auch die direkte Hilfe auf der Straße. Das Verteilen von warmen Getränken und winterfester Kleidung sowie die Vermittlung von Notschlafstellen sind in dieser Zeit besonders wichtig.
Die Konzentration suchtmittelabhängiger Menschen in der Kasseler Innenstadt ist auffällig. Woran könnte das liegen?
Generell hat jede Stadt in der Größenordnung Kassels eine offene Drogenszene. Die Szene in Kassel ist häufig Teil medialer Berichterstattung, meist mit einer Fokussierung auf entstandene Probleme, was die Sichtweise auf diese Bevölkerungsgruppe prägt. Baulich gesehen ist die Innenstadt überschaubar, das öffentliche Leben konzentriert sich daher an wenigen Orten. Diese werden auch von der Drogenszene genutzt. In den letzten Jahren haben sich die Möglichkeiten, wo sich diese Szene ohne Beschwerden versammeln kann, stark reduziert. Dadurch erscheint die Szene an wenigen Plätzen sehr geballt.
Wie stehen die Hilfsangebote in Kassel im bundesweiten Vergleich da?
Im Vergleich zu anderen Städten ist das System in Kassel recht gut und differenziert. Drogenkonsumräume und öffentliche Plätze, an denen die offene Drogenszene toleriert wird, fehlen jedoch. Ein Aufklärungs- und Beratungsangebot für die Party- und Drogenszene wäre ebenfalls notwendig. Wie in anderen Städten fehlt auch hier das innovative Angebot des Drug-Checkings – die Möglichkeit, Drogen auf gefährliche Streckmittel zu untersuchen. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu ermöglichen.
Spüren Sie die Nachwirkungen der 90er Jahre in ihrer täglichen Arbeit? Unter anderem wurde Drogenkonsum als einer der Schließgründe des legendären Technoclubs Stammheim angeführt.
Das Stammheim war damals auch überregional bedeutend für die Kasseler Drogenszene. Damals gab es „eve & rave“, ein Vereinszusammenschluss in mehreren Städten, der Safer-Use anbot und Aufklärungsarbeit in der Partyszene betrieb. Neben der Musik spielte auch Spiritualität eine wichtige Rolle.
Der Kontaktladen Café Nautilus wurde damals schon von den Partygänger:innen aufgesucht. Der Konsum von Heroin diente dazu, von den aufputschenden Partydrogen zur Ruhe zu kommen. Dadurch wurden viele, teils unwissend, von Heroin abhängig.
Heute muss man zwischen dem Drogenkonsum der Partyszene und der offenen Drogenszene unterscheiden: Es kann also nicht gesagt werden, dass die Drogenkonsument:innen von damals allesamt in die offene Drogenszene abgerutscht wären.
Vor welchen Suchtmitteln ist heute Vorsicht geboten?
Die Bandbreite der verfügbaren Drogen hat sich im Vergleich zu den 90er Jahren stark verändert. Während die Verfügbarkeit von Heroin abgenommen hat, ist der Konsum und das Angebot von Kokain sehr stark gestiegen. Auch neue psychoaktive Substanzen, die über das Internet beziehbar sind, gab es in der Form noch nicht. Dabei hat sich der Wirkungsgrad gerade von synthetischen Drogen stark erhöht, was schon bei einmaligem Konsum zu Überdosierungen führen kann.
Die Annahme, dass legale Drogen weniger gefährlich seien als illegale, ist irreführend. So sterben in Deutschland jährlich mehr Menschen an Alkohol und Nikotin als an Heroin oder Kokain. Letztlich kann jede Droge gefährliche Auswirkungen haben.
Die Fragen stellte Sara Dec.
Wenn Sie die Arbeit der Drogenhilfe Nordhessen unterstützen möchten, nehmen Sie gerne Kontakt auf oder überweisen Ihre Spende direkt auf folgendes Konto:
Christiane Diez (05 61) 7 39 50 39
christiane.diez@drogenhilfe.com
Spendenkonto:
Drogenhilfe Nordhessen e. V.
Evangelische Bank
IBAN: DE 65 520 604 100 000 005 819
BIC: GE NOD EF1 EK1
Ausführliche Informationen über die unterschiedlichen Angebote der Drogenhilfe Nordhessen erhalten Sie auf der Homepage www.drogenhilfe.com
Wir danken Monika Gerke-Heine für die freundliche Unterstützung und belverde floristik & ambiente für die Premierenblumen.
Fotos: Anja Pawliczek, 3. Feb 2026 und Sylwester Pawliczek, 5. Feb 2026 | Herausgeber: Staatstheater Kassel | Intendant: Florian Lutz | Geschäftsführender Direktor: Stefan Votel | Redaktion: Sara Dec | Spielzeit 2025/26 | Gestaltung: Georg Reinhardt | Website: Stefan Endres | Änderungen vorbehalten.