vor die hunde (UA)

vor
die hunde
(UA)

ich bin da ganz zufällig reingeraten

vor die hunde ist eine szenische Collage mit Wanderbewegungen von Deutschland nach Brasilien seit dem 16. Jahrhundert bis heute. Ein Stück, das für Kassel geschrieben werden musste, weil es auch viel mit der Umgebung zu tun hat. Neben der Geschichte des deutsch-brasiliansichen Paares Marlene und Rosa – die im Zentrum steht – werden Schlaglichter auf verschiedene Zeitepochen geworfen. Wer ist gegangen und gekommen? Wer hat sich (gewaltvoll) ein neues Zuhause geschaffen und zu welchem Preis? Für wen ist der Alltag schwer, zuhause oder an einem anderen Ort? Eine Reise durch die Zeiten und in die verschiedensten Realitäten. Ein Versuch zu verstehen. Immer wieder auch ein Versuch, alles richtig zu machen und das Scheitern daran.

Der nordhessische Landsknecht Hans Staden (1525 – nach 1557) ist auf der Suche nach einem besseren Leben zweimal zufällig in Brasilien gelandet und hat seine Erlebnisse in dem Reisebericht Warhaftige Historia festgehalten. Im ersten Teil geht es um ihn, den gläubigen Lutheraner. In Brasilien interessieren sich jedoch viele Menschen noch immer eher für den zweiten Teil, in dem Staden die Riten der Tupinambá beschreibt. Der Bericht ist das älteste Dokument über das Leben der indigenen Bevölkerung an der brasilianischen Küste. Er wurde in Brasilien als Jugendbuch bearbeitet, welches auch heute noch im Schulunterricht besprochen wird.

es ist hier ein wahres paradies wer hier nur etwas arbeiten will
man wird nicht von einem jeden geprellt wie in deutschland

mit gott für deutschlands ehr
daheim und überm meer

Das ist das Motto, unter dem Männer für die Deutsche Kolonialschule für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe (1898 – 1944) in überseeische Gebiete fuhren. Ausgebildet wurden sie dafür in Witzenhausen, der ersten Kolonialschule Deutschlands. Die Aneignung von Wissen über unbekannte Gebiete, ihre Bewohner:innen, Flora, Fauna, geografischen und geologischen Bedingungen war essentiell, um Herrschaft über diese Gebiete zu erlangen. „Kulturpioniere“ nannte der Gründer Ernst Albert Fabarius seine Schüler, die als „Vorkämpfer unserer deutschen Volkswirtschaft und Macht […] deutsch-christiliche Kultur“ in die Welt tragen sollten. Ein Zitat aus der Zeitschrift Der deutsche Kulturpionier, die zwischen 1900 und 1960 mit „Nachrichten aus der Deutschen Kolonialschule Wilhelmshof für die Kameraden, Freunde und Gönner“ erschien.

Emilie Heinrichs hat 1921 in Die Frau des Auswanderers Erlebnisse einer Kolonistenfrau in Südbrasilien die Perspektive einer Frau aufgeschrieben, deren Mann die Auswanderung nach Brasilien geplant hat. Der Weg in eine neue Welt, von der sie nichts kannte als Fotos. „Es ist an der Zeit, dass ein jeder, der in der Auswanderung Erfahrungen gesammelt hat, sie der Öffentlichkeit übergibt. Darum habe auch ich mich entschlossen, meine Erlebnisse als Kolonistenfrau in Südbrasilien wiederzugeben, damit die deutschen Frauen wissen, wie es in Wirklichkeit da draußen zugeht und was von einer Kolonistenfrau verlangt wird“, schreibt sie im Vorwort ihres Berichts.

Ein gemütliches Heim, ein auskömmliches Leben, meine Heimat,
alles, was ich liebhatte, sollte ich zurücklassen.

Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.

Mitten im Zweiten Weltkrieg, auf dem Höhepunkt der Selbstzerstörung Europas, bereiste Stefan Zweig (1881 – 1942) Brasilien und war fasziniert. 1941 kam er zurück und lebte in dem Land, bis er sich ein Jahr später das Leben nahm. Auch er verfasste über seine Erlebnisse den Reisebericht Brasilien – Ein Land der Zukunft. Kritiker:innen warfen ihm Regierungspropaganda für die damalige Diktatur und eine Ausblendung von Antisemitismus und Rassismus vor.

Maria Kahle (1891 – 1975) besuchte Verwandte in Brasilien, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Sie blieb dort und wurde Journalistin, arbeitete in der von Kolonisten gegründeten Stadt Blumenau für die deutschsprachige Zeitung Der Urwaldbote sowie als Auslandskorrespondentin. Nach Kriegsende reiste sie viel für Vorträge in größere deutsche Niederlassungen Brasiliens, was ihren großen Einsatz für das „Auslandsdeutschtum“ belegt, also dafür, dass auch außerhalb des Staates eine homogene, spezifisch deutsche Kultur erhalten bleibt. Ihrer Rückkehr nach Europa 1920 folgte ein intensives Engagement in der völkisch-nationalen Bewegung. Von 1924 bis 1926 war sie Redakteurin der Tageszeitung Der Jungdeutsche in Kassel. Während sie das Regime auch in der Endphase des Zweiten Weltkriegs noch bedingungslos unterstützte, schrieb sie nach 1945 vorwiegend unverfängliche Jugend- und Heimatliteratur.

Deutschland hat seinen Auswanderern im vergangenen Jahrhundert kein stolzes Nationalgefühl, kein Wissen um den Wert ihres Volkstums mitgegeben. Erst als sie andere Völker und ihre Art kennenlernten, erkannten die Siedler, dass ihre überlieferte Sitte und die Erziehung zu Ordnung, Zucht, Fleiß, Sauberkeit, Rechtschaffenheit ein Ahnenerbe war, wie ihre Muttersprache und ihre Mundart.

sie hat unsere zukunft repräsentiert
eine gewählte politikerin die wirklich für die menschen arbeitet
wer das tut den bringen sie um

2016 wurde Marielle Franco (1979 – 2018) zur Stadträtin von Rio de Janeiro gewählt. Sie war eine schwarze bisexuelle Frau aus einer Favela und dafür bekannt, sich für die Menschenrechte von jungen Schwarzen, Frauen, Favela-Bewohner:innen sowie LGBTQ+ einzusetzen. Zuvor war sie zehn Jahre in der Menschenrechtskommission des Bundesstaates Rio de Janeiro tätig. Dort hatte sie häufig auf die außergerichtlichen Hinrichtungen und andere Menschenrechtsverletzungen durch Polizei und Sicherheitskräfte der einzelnen Bundesstaaten aufmerksam gemacht. Am 14. März 2018 erschossen Unbekannte Marielle Franco und ihren Fahrer. Kurz vor ihrer Ermordung war sie berufen worden, das Eingreifen der Bundesbehörden in die öffentliche Sicherheit in Rio de Janeiro zu beobachten. Ermittlungen wurden nach einer Festnahme zuerst eingestellt und dann wieder aufgenommen. 2024 wurden drei weitere Beteiligte an ihrem Tod festgenommen: der einstige Polizeichef, ein Abgeordneter des Nationalkongresses und ein Mitglied des Rechnungshofes. „Dieser Fall legt Verwicklungen von Politik, Polizei und Unterwelt offen“, beschreibt Moncia Benicio, die Witwe von Marielle Franco.

Vier Personen mit Requisiten auf nebliger blauer Bühne.
Annett Kruschke, Katharina Brehl, Zazie Cayla, Felix Thewanger
Zazie Cayla, Annett Kruschke, Katharina Brehl in Kostümen vor tropischem Bühnenbild.
Zazie Cayla, Annett Kruschke, Katharina Brehl
Vier Darstellende in bunten Sportoutfits mit offenen Händen auf Bühne.
Katharina Brehl, Felix Thewanger, Annett Kruschke, Zazie Cayla
Felix Thewanger singt und spielt Gitarre auf der Bühne.
Felix Thewanger
Zazie Cayla singt auf Bühne mit roter Stadtkulisse.
Zazie Cayla

Warum verlässt jemand seine Heimat?

Person im Comic-Kostümsteht auf der Bühne und hält Würste

Ein Gespräch zwischen Autorin Nora Mansmann und Dramaturgin Laura Kohlmaier.

Laura Kohlmaier: Wie oder wann wurde dir klar, dass du dieses Stück für Kassel schreiben möchtest?

Nora Mansmann: Die Geschichte von Marlene und Rosa habe ich 2020 angefangen zu schreiben, wollte aber nicht bei der individuellen Geschichte stehen bleiben, sondern das Ganze in einen größeren Kontext stellen, auch um zu zeigen, wie stark so eine interkulturelle Beziehung von Geschichte und aktueller Politik beeinflusst ist. Die Idee, das Stück für Kassel zu schreiben, entstand aus meiner eigenen Verbindung zu Kassel und zum Staatstheater. Über Hans Staden gab es einen regionalen Bezug, ließ sich eine Verbindung zwischen Nordhessen und Brasilien herstellen. Daraus entstand die Idee, die moderne Geschichte und die historische Figur zusammenzubringen.

Wie hast du diese historischen Figuren ausgewählt, die jetzt im Stück auftauchen?

Zazie Cayla, Annett Kruschke, Katharina Brehl auf Bühne mit Wellen- und Schiffskulisse.
Zazie Cayla, Annett Kruschke, Katharina Brehl

Nach der ersten Setzung, dem Vorhaben, Hans Stadens Story mit der Geschichte von Rosa und Marlene zusammenzubringen, stellt sich die Frage, was beide Geschichten, was die Figuren miteinander zu tun haben. Ich kam auf das Thema Flucht, vielleicht fliehen alle Figuren vor irgendetwas... daraus wurde, weiter gefasst, die Frage: Warum verlässt jemand seine Heimat?

In der ersten Schreibphase lese und recherchiere ich gerne kreuz und quer, und dabei sind mir sehr viele weitere spannende historische Figuren untergekommen, die irgendwann die Reise von Deutschland nach Brasilien angetreten haben. So kam ich dazu, weitere historische Stimmen einzubinden, die auch verschiedene Zeiten und Haltungen repräsentieren.

Gab es da große Überraschungen für dich?

Als ich Maria Kahle in der Recherche entdeckt habe, war ich überrascht, dass sie auch einen Kassel-Bezug hat, also dass sie hier gearbeitet hat. Außerdem fand ich die Parallele interessant, dass sie auch, während des 1. Weltkriegs, in Brasilien stecken geblieben ist, so wie ich in der Pandemie, so wie Marlene im Stück. Ich hatte kurz die Idee, dass alle Figuren einen Nordhessen-Bezug haben könnten, auch in Verbindung mit der Kolonialschule Witzenhausen, wo ich auch recherchiert habe, und wo es einige Verbindungen nach Brasilien gab. Ich wollte mich dann aber doch nicht so beschränken.

„ich wünschte ich wär schlagfertig
ich will doch ein ally sein ich will
doch für mich und andere einstehen“

Den Abgleich mit den Figuren aus der Vergangenheit empfinde ich auch als eine Abgrenzung. Man kann das Gefühl bekommen, Marlene hat diesen ganzen Kosmos aufgesogen, um es eben richtiger zu machen, und doch bleibt es kompliziert.

Ich finde diese Beschreibung sehr schön. Für mich waren es eher Stimmen aus Geschichte und Gegenwart, die immer wieder diese Beziehung kommentieren und beeinflussen. Aber beides ist richtig. Wenn man als Deutsche:r mit einer Person aus einem anderen Land zusammen ist, bekommt man plötzlich viel bewusster die ganzen Vorurteile und Erwartungen mit, die an so eine Beziehung, und vor allem an die nicht-deutsche Person, herangetragen werden, wie z.B., dass man Deutsch miteinander zu sprechen habe, „wie soll sie es denn sonst lernen?“ Da wollte ich ein bisschen den Leuten einen Spiegel vorhalten, um zu zeigen, was da oft unbewusst an Stereotypen und Rassismen transportiert wird.

Das hat auch etwas damit zu tun, sich zwischen den Stühlen zu fühlen und sich zu fragen, womit man eigentlich anfangen soll bei der Antwort auf solche Kommentare und Erfahrungen. Du zeigst im Stück Beziehungen, die kompliziert sind, was ich gerne mag. Dabei fällt mehrmals der Satz „wir sind zusammen um voneinander zu lernen“. Was war dir dabei wichtig?

Katharina Brehl, Felix Thewanger tragen andere Darstellende auf der Bühne.
Katharina Brehl, Felix Thewanger

Ich glaube der Satz drückt zum einen aus, dass man bei allen Schwierigkeiten und Konflikten, die eine Beziehung zwischen zwei Kulturen mit sich bringen kann, auf der anderen Seite auch eine große Bereicherung dadurch erfahren kann, Einblicke in eine ganz andere Perspektive, mehr Verständnis. Und er drückt für Marlene und Rosa auch die Hoffnung aus, dass all das nicht umsonst ist, dass ihre Beziehung einen tieferen Sinn hat, dass es vielleicht sogar eine Art von Vorbestimmung, füreinander bestimmt sein, gibt.

Dann gibt es beispielsweise noch die Beziehung zwischen Johnny und Marlene, die mal beste Freunde waren und auf irgendeine Weise noch verbunden sind. Das geht gegen den Impuls, sich total abzugrenzen, wenn eine Person grundlegend Dinge anders sieht.

Diese gesellschaftliche Tendenz wird ja viel beschrieben, dass Leute in ihren Bubbles sind und nicht mehr miteinander reden wollen oder können. Johnny repräsentiert eine Denkweise, von der man sich auch abgrenzen möchte. Es kann aber eben auch produktiv oder gut sein, diese Schwelle zu überschreiten und trotzdem mit der Person in Kontakt zu bleiben. Wir wissen, dass, wenn jemand in Verschwörungstheorien abdriftet, man das am besten durch persönliche Beziehungen ändern kann und nicht durch einen Kommentar bei fremden Personen im Netz. Vielleicht kann man es als Anstoß sehen, in so einem Fall nicht gleich aufzugeben, sich nicht gleich abzugrenzen. Auch wenn es bei Marlene und Johnny vermutlich letztlich nicht funktioniert.

„eu posso até ser parecida com você
eu falo english com você
mas sou de um mundo totalmente diferente“

Das ist ein so prägnanter Satz für die Komplexität der Beziehung zwischen Marlene und Rosa. Was hat sich geändert, seit Emilie - die Frau des Kolonisten - nach Brasilien musste, die nichts als ein Foto von dem Land kannte? 

Bühnenbild mit Annett Kruschke, Katahrina Brehl, Zazie Cayla, blauem Licht und Schiff.
Annett Kruschke, Katahrina Brehl, Zazie Cayla

Man weiß heute durch Fotos, Videos, Social Media etc. natürlich viel mehr und hat dadurch ein anderes Bewusstsein und eine Vorstellung von dem Land. Trotzdem ist es etwas anderes, wenn man dann da ist. Das war auch meine Idee für den Prolog, dass alle ein bisschen träumen und Vorstellungen von Brasilien haben – und auch darüber reden, als wären es Tatsachen, Rita mit ihrem Karneval zum Beispiel. Und dann kommen sie nach Brasilien und es ist teilweise ganz anders und sie sind enttäuscht, dass sich die Träume nicht bewahrheiten. Dass Dinge passieren, die ganz alltäglich und simpel sind, mit denen man aber riesige Probleme hat, an die man aber vorher nie gedacht hat. Wie das Bellen der Hunde.

Da ist auch wieder die Unterscheidung von Vorstellung und Verständnis. Das fand ich auch interessant bei Stefan Zweig, dem ja vorgeworfen wird, dass er ein Bild von Brasilien zeigt, was traumhaft schön ist und dabei unter den Tisch fallen lässt, dass die Menschen zu dieser Zeit in einer Diktatur gelebt haben und es vielen auch sehr schlecht ging.

Er war ja sogar da und hat dann diese Texte geschrieben. Er hat das eben so wahrgenommen, auch im Gegensatz zu Deutschland oder Europa, aber es ist schon ein sehr idealisiertes Bild. Natürlich waren nicht alle gleichberechtigt oder hatten die gleichen Chancen, natürlich gab es Rassismus, und die Leute, die vorher versklavt gewesen waren, waren zwar offiziell frei, aber weiterhin abhängig und lebten prekär am unteren Ende der Gesellschaft. Und so ist es bis heute.

„tourist ist was anderes als wirklich wo zu leben“

Drei Sprechblasen über Diskussion um historische Figur an der Uni.
von Janina Hildebrandt
Menschen diskutieren Fabarius' Erbe, Kolonialismus und Geschichte.
von Janina Hildebrandt

„Nach Brasilien
wollte er gar nicht“


Eine Figur hat Kassels Umgebung so geprägt, dass Wolfgang Schiffner am Wolfhager Regionalmuseum zum Experten für ihn geworden ist: Hans Staden. Ein Interview über Stadens Bedeutung für die Region und für Brasilien durch die Jahrhunderte.

Annett Kruschke vor blauen Schiffen und Wellen, künstlerische Darstellung.

Laura Kohlmaier: Wie sind Sie zum Experten für Hans Staden geworden?

Wolfgang Schiffner: 2005 las ich die Warhaftige Historia. Ich war beeindruckt und beschämt zugleich, dass ich diesen Reisebericht nicht früher schon gelesen hatte. Zum 450. Jahrestag des Reiseberichts plante ich eine Ausstellung zu Stadens Werk und seiner beeindruckenden Rezeptionsgeschichte bis heute. Als Wanderausstellung wurde sie in über 25 Städten in Deutschland und Brasilien gezeigt. Hinzu kam eine zweitägige Tagung mit Referenten aus Brasilien, den USA, Portugal, Frankreich, Dänemark und Deutschland. Für mich wurde klar, dass dieses erste Buch über Brasilien von 1557 die wichtigste Publikation eines deutschen Autors über die Neue Welt im 16. Jahrhundert war. In meiner Wohnung haben sich neben vielen Büchern in den letzten 20 Jahren 47 Ordner mit Material zu Hans Staden angesammelt.

Wie kann es sein, dass sich jemand im 16. Jahrhundert auf eine solche Reise aufmacht?  War der hessische Landsknecht nach der Niederlage des Schmalkaldischen Krieges auf der Suche nach einem besseren Leben? 

Im ersten Satz des Werkes schreibt er, dass er nach Indien wollte. Es ist zu vermuten, dass er dort sein Glück suchte und hoffte, zu Wohlstand zu kommen. Die erste Reise nach Brasilien war ja nur eine Verlegenheitslösung, weil die Flotte nach Indien schon weg war. Bei der zweiten Reise wollte er nach Argentinien, weil Rückkehrer von dort berichteten, dass es Gold gäbe. Doch sein Schiff ging unter und er landete nach zwei Jahren in Sao Vicente, wo er bei den Portugiesen eine Stellung fand. Er sollte Angriffe der Tupinambá aus dem Norden abwehren. Ein halbes Jahr später wurde er auf einem Ausflug von ihnen überfallen und in ihre Siedlung Ubatuba in den Norden verschleppt. Seine Gefangenschaft hätte ihn fast das Leben gekostet, doch er kam im Frühjahr 1555 nach Deutschland zurück. Eigentlich ist es paradox: Nach Brasilien wollte er gar nicht, und doch hat er 1557 dann den ersten Bericht über Brasilien in Deutschland veröffentlicht.

Laut den Germanist:innen Lina Herz und Bernd Bastert gibt es Hinweise, dass die Beschreibungen von Hans Staden stimmen müssen. Sie sprechen von „Wahrheitsmarkern“ in seinen Texten. „Er beschreibt seine Erlebnisse so genau, nutzt die Sprache der Indios, die es heute noch gibt, um klar zu machen, dass ihm das Erzählte passiert ist. Auch seine Bilder sind sehr genau komponiert. Es gibt heute im Amazonas noch Stämme, die genau so leben, wie Staden es berichtet. Das kann nur ein Augenzeuge so erlebt haben.” Ist das auch Ihre Einschätzung?

Ja, absolut! Sie vertreten den aktuellen Stand der Staden-Forschung. 

Auch wenn seine Schilderungen mit Sicherheit von einer deutschen Perspektive gefärbt sind, sind sie das älteste Dokument über Sitten und Gebräuche der indigenen Bevölkerung in Brasilien, was immer noch rezipiert wird. Wie bekannt ist Hans Staden dort noch heute? 

Stadens Werk ist in Brasilien sehr bekannt. Eine überragende Bedeutung hat dabei die Bearbeitung von Monteiro Lobato als Jugendbuch im Jahre 1927, es wird auch heute noch im Schulunterricht behandelt. An verschiedenen Orten an der Küste, an denen Hans Staden damals war, gibt es Gedenkstätten. Sein Buch ist für das historische Bewusstsein der Brasilianer unverzichtbar.

Ihre Beschreibungen machen nicht den Eindruck, als wäre Hans Staden mit einer Absicht als Kolonist nach Brasilien gegangen. Mit Worten aus dem Stück könnte man sagen, er ist „da ganz zufällig reingeraten.” Kann man etwas dazu sagen, ob er an Kolonialverbrechen beteiligt war? 

Ich habe diese Frage untersucht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass er sich nicht schuldig gemacht hat. Weder bei der ersten Reise noch bei der zweiten hat er an den Kämpfen gegen die Indigenen teilgenommen. Wenn er über militärische Konflikte zwischen den Portugiesen und den Indigenen berichtet, macht er eindeutig die Portugiesen als Verursacher verantwortlich. Als Gefangener beschreibt er die Tupinambá: Es sind von Körper und Gestalt schöne Menschen, Frauen und Männer gleicherweise, so wie die Leute hierzulande … und später zusammenfassend: Es ist ein tüchtiges Volk… [2.Teil, 4. Kapitel]. Anders als im Titel des Buches gebraucht er das Wort „Menschenfresser“ nicht, wenn er über den rituellen Kannibalismus berichtet, den er erlebt hat. Das Fleisch des Opfers wird nicht „gefressen“, er gebraucht da immer das Wort „essen“. Staden fordert weder direkt oder indirekt auf, gegen die Indigenen militärisch vorzugehen.


Wolfgang Schiffner wurde 1942 in Mainz geboren, ging dort zur Schule und studierte, um Lehrer für Geschichte zu werden. Nach dem Referendariat in Frankfurt kam er nach Wolfhagen, wo er 1970–2003 an der Walter-Lübcke-Schule unterrichtete und ab 2005 im Regionalmuseum zum Experten für Hans Staden wurde.

Zwei Personen in Sportkleidung vor Dschungel- und Bergkulisse.
Katharina Brehl, Zazie Cayla
Katharina Brehl, Annett Kruschke, Zazie Cayla in farbenfrohen, ausdrucksstarken Kostümen auf der Bühne.
Katharina Brehl, Annett Kruschke, Zazie Cayla
Eine Person trägt eine andere bei einer Bühnenperformance.
Katharina Brehl, Zazie Cayla
Zwei Darstellende auf maritimer Bühne mit Schiffskulisse.
Katharina Brehl, Zazie Cayla
Annett Kruschke, Felix Thewanger mit angestrengten Gesichtern auf der Bühne, schieben große Hunde-Köpfe.
Annett Kruschke, Felix Thewanger

Fotos: Katrin Ribbe, 10. und 18. Sep 2025 | Herausgeber: Staatstheater Kassel | Intendant: Florian Lutz | Des. Geschäftsführender Direktor: Stefan Votel | Redaktion: Laura Kohlmaier | Programmheft 50 | Spielzeit 2025/26 | Gestaltung: Georg Reinhardt | Website: Stefan Endres | Änderungen vorbehalten.