DIE VORLAGEN – ganz kurz und knapp
Ulysses von James Joyce und Odyssee von Homer
Angelehnt an die Irrfahrten des griechischen Helden Odysseus erzählt James Joyce in seinem Roman Ulysses von den Ereignissen eines einzigen Tages – dem 16. Juni 1904 – in Dublin. Die Inszenierung von Bert Zander überträgt diese Struktur in die Gegenwart. Um den Überblick zu behalten, gibt es hier eine kurze Zusammenfassung der Vorlagen.
1 TELEMACHOS
Odysseus kehrt nach dem Krieg nicht nach Hause zurück, seine Frau Penelope wird von Freiern umlagert. Telemachos hält das alles nicht mehr aus und macht sich auf die Suche nach seinem Vater.
Im ersten Kapitel von Ulysses geht es nicht um die Hauptfigur Leopold Bloom, sondern um eine Nebenfigur: Stephen Dedalus, den Sohn auf der Suche nach der Vaterfigur.
2 NESTOR
Telemachos ist bei Nestor, dem alten König von Tylos, auf der Suche nach seinem Vater. Nestor redet viel, was Telemachos aber nicht weiterbringt.
Das Wissen, das der Schuldirektor Mr. Deasy für Stephen hat, ist wertlos für ihn.
3 PROTEUS
Menelaos will wissen, wo Odysseus ist. Proteus sagt es ihm nicht einfach, sondern verwandelt sich in verschiedene Tiere und andere Gestalten. Erst als der Betrachter erschöpft ist, erhält er seine Antworten. In diesem Teil endet die Telemachie, die Suche nach dem Vater.
In Ulysses philosophiert Stephen bei einem Strandspaziergang über Wahrnehmung und sich selbst: Ist die Welt noch da, wenn man die Augen schließt?
4 KALYPSO
Calypso ist eine Nymphe, die Odysseus aufnimmt und mit der er sieben Jahre eine Beziehung führt. Sie will seine Heimkehr verhindern, doch er bricht auf.
Leopold Bloom lässt seine Frau Molly am 16. Juni 1904 zu Hause zurück. Molly steht einmal für Calypso, weil er von ihr aufbricht, aber auch für Penelope, weil er noch in derselben Nacht wieder zu ihr zurückkehrt. Je nach Kontext verkörpert sie in verschiedenen Konstellationen verschiedene Figuren.
5 LOTOPHAGEN
Odysseus hat seine Männer losgeschickt, um den Lotus zu probieren; doch nachdem sie davon essen und ihre Heimat vergessen, wollen sie nicht mehr zurückkehren, sodass Odysseus sie gewaltsam auf das Schiff zurückbringt.
Leopold Bloom ist auf seinem Weg durch Dublin, trifft Bekannte, kauft Zitronenseife und andere Spezialitäten. Dieses Kapitel steht für Genuss und Langsamkeit.
6 HADES
Hades ist die Bezeichnung für die Unterwelt in der Odyssee; Odysseus befragt dort einen Seher nach seinem Schicksal und begegnet verschiedenen Toten.
Leopold Bloom ist mit Martin Cunningham und Simon Dedalus, dem Vater von Stephen Dedalus, auf dem Weg zur Beerdigung von Paddy Dignam und denkt über Leben und Tod nach.
7 AIOLOS
Aiolos, der Herr der Winde, gibt Odysseus einen Schlauch mit eingeschlossenen Winden; doch kurz vor Ithaka öffnet die Mannschaft ihn aus Neugier, sodass das Schiff wieder aufs Meer hinausgetrieben wird.
Bei Ulysses befinden wir uns in der Zeitungsredaktion. Der Wind als bewegende Kraft, gegen die man arbeiten muss. Eine windige Rhetorik spielen ebenso eine große Rolle wie die Frustration kurz vor dem Ziel, dieses doch nicht zu erreichen.
8 LAISTRYGONEN
Ein in der Odyssee erwähntes Volk von Riesen und Kannibalen. Odysseus verliert einen Großteil seiner Mannschaft, als er von ihnen angegriffen wird.
Leopold Bloom flaniert zur Mittagszeit durch Dublin, beobachtet mit gemischten Gefühlen das Essverhalten anderer und sucht selbst nach Nahrung. Es geht um Genuss und Ekel sowie Maß und Maßlosigkeit und zeigt, wie stark Wahrnehmung von der Perspektive abhängt.
9 SKYLLA UND CHARYBDIS
Odysseus begegnet Seeungeheuern in einer Meerenge. Der Ausdruck „zwischen Skylla und Charybdis sein“ beschreibt eine Situation, in der man zwischen zwei entgegengesetzten Kräften wählen muss, die beide gefährlich sind.
Der (noch) erfolglose Künstler Stephen versucht in einer Bibliothek, Zuhörende von seinen gewagten Thesen, unter anderem zu Shakespeares Hamlet zu überzeugen.
10 WANDERING ROCKS
Die Irrfelsen sind eher Monster als Felsen. Odysseus entscheidet sich für Skylla und Charybdis und gegen die Irrfelsen, weshalb sie kein großes Thema in der Odyssee sind.
Auch in Ulysses ist es eher ein Zwischenspiel mit einem Fokus auf die Stadt, durch die Bloom wandert.
11 SIRENEN
Wer sich den Sirenen und ihrem verlockenden Gesang nähert, ist verloren. Am besten schützt sich, wer sich auf dem Schiff fesseln lässt und die Ohren mit Wachs verstopft.
Leopold Bloom befindet sich in einer Bar. Die beiden Barfrauen stehen für die Sirenen und die Gefahr der Verführung, die ihn zugleich anzieht und auf Distanz hält.
12 KYKLOP
Ein Kyklop ist ein Riese mit nur einem Auge, er ist sehr stark, aber auch verletzlich. Odysseus entkommt ihm durch eine List.
Bei Ulysses wird dessen Höhle der Pub; einäugig ist vor allem die politische Einstellung des Nationalisten, dem Leopold Bloom dort begegnet.
13 NAUSIKAA
In der Odyssee rettet die Königstochter Nausikaa den gestrandeten Odysseus und ermöglicht seine Heimkehr.
Leopold Bloom bleibt hingegen isoliert; die Begegnung mit einer Frau am Strand wird zur einseitigen sexuellen Fantasie statt zur Rettung. Dieses Skandalkapitel führte zum Verbot von Ulysses.
14 HELIOS
Auf der Insel des Helios dürfen die Rinder des Sonnengottes nicht angerührt werden; als Odysseus einschläft, vergreifen sich seine Gefährten an den Rindern. Alle außer ihm sterben.
Bloom ist mit weiteren Männern im Warteraum einer Geburtsklinik, während Mina Purefoy - eine Frau, deren Schwangerschaft im Verlauf des Romans immer wieder Thema ist - ihr Kind bekommt. Die Geburt steht den trinkenden und feiernden Männern gegenüber.
15 KIRKE
Kirke lädt alle Männer zu sich ein und verwandelt sie in Schweine. Odysseus rettet die Männer; er hat ein Mittel gegen die Verzauberung. Nach einem Jahr Erholung können sie nach Hause zurückkehren.
In Ulysses befinden sich Leopold Bloom und Stephen Dedalus im Rotlichtviertel, wo sich Wirklichkeit und Vorspiegelung von Wirklichkeit vermischen.
16 EUMAIOS
Odysseus kehrt, verkleidet als Bettler, nach Ithaka zurück und wird vom treuen Schweinehirten Eumaios aufgenommen, während er dessen Loyalität prüft und Informationen sammelt.
Der nüchterne Leopold Bloom trifft in einer Bar auf den stark betrunkenen Stephen Dedalus, der nicht weiß, wo er schlafen soll, da er aus seiner WG geflogen ist. Ein Matrose erzählt Geschichten von seiner Seefahrt.
17 ITHAKA
Der Held Odysseus kehrt heimlich in seinen Palast zurück, plant die Rache an den Freiern und sammelt Verbündete, während Penelope noch auf ihn wartet.
Stephen Dedalus und Leopold Bloom sind auf dem Weg nach Hause in die Eccles Street 7.
18 PENELOPE
In der Odyssee spricht Penelope mit dem noch als Bettler verkleideten Odysseus.
Bei Ulysses liegt nun der Fokus auf Molly Bloom, die wach im Bett liegt, als Leopold wieder zurück nach Hause kommt. Auch ihre Gedanken kreisen in einem Bewusstseinsstrom aus Begehren, Erinnerungen, Wünschen und Fragen. YES.
James Joyce – Congratulations you’re clever
In diesem digitalen Programmheft möchten wir unsere Zugänge zu Ulysses teilen. Einen Ausschnitt davon, was uns als Team in der monatelangen Beschäftigung begeistert, irritiert und herausgefordert hat. Ein Blick auf ein Werk, das seit über hundert Jahren gelesen, gefeiert, abgelehnt und immer wieder neu befragt wird.
„Ich habe ‘Ulysses’ zu Ende gelesen und halte es für einen Fehlschlag. Genialität hat es meiner Meinung nach; aber von minderwertiger Art. Das Buch ist ausschweifend. Es ist brüchig. Es ist prätentiös. Es ist unkultiviert, nicht nur im offensichtlichen Sinne, sondern auch im literarischen Sinne.“
Virginia Woolf
Schon zur Zeit seines Erscheinens löste der Roman starke Reaktionen aus. Virginia Woolfs Beschäftigung mit dem Roman kann man aufs Genauste nachlesen.
Zur gleichen Zeit gibt es aber auch grenzenlose Begeisterung. Die Buchhändlerin Sylvia Beach erkennt das Potenzial dieses Textes und setzt alles daran, ihn zu veröffentlichen. Ihr Bedürfnis Ulysses und die Geschichte des Anzeigen-Akquisiteurs Leopold Bloom in die Pariser Öffentlichkeit zu bringen, nachdem er in den USA per Gerichtsbeschluss verboten wurde, überwindet alle Widerstände. Diese Widerstände empfindet sie im Gegenteil als notwendig angesichts des Stoffes.
Und dann gibt es die, die Brücken bauen. Leser:innen, die sich festbeißen, Strukturen sichtbar machen, Begeisterung weitergeben. Wie Ralf Schlüter, der auf seiner Website jedes Kapitel von Ulysses auseinandernimmt, mit der Odyssee abgleicht und Zugänge eröffnet. Bei ihm tauchen sie immer wieder auf, die großen Motive: Heimatverlust, Identitätssuche, die Sehnsucht nach Familie. Themen, die den Text durchziehen – und die auch uns begegnet sind. Die Freude beginnt, wenn man tatsächlich Zusammenhänge zu verstehen erahnt.
Und trotzdem: Da ist auch Widerstand. Ermüdung. Ablehnung. Ein Gefühl, sich im Text zu verlieren. Ein Gefühl, das wir gut kennen – und in dem wir uns seltsam bestätigt fühlten, als wir das Gedicht von Matt Cook gelesen haben.
Zwischen Faszination und Abwehr, zwischen Hingabe und Überforderung bewegt sich auch unsere eigene Annäherung. Ein Abend über Ulysses. Aber auch über die Odyssee – und über uns als Theatermachende heute. Eine Annäherung und eine Abstoßung zur gleichen Zeit. Und ein großes Videoexperiment.
James Joyce
Er war dumm
Er wusste nicht so viel wie ich
Lieber würfe ich mit leeren Batterien auf Kühe
Als ihn zu lesen
Alles war prima
Matt Cook
„Letztendlich ist Ulysses dieses Wandtattoo“
Interview mit Regisseur und Videokünstler Bert Zander
Laura Kohlmaier: Was hat dich an Ulysses so fasziniert, dass du es auf die Bühne holen wolltest?
Bert Zander: Mich hat die Unlesbarkeit und der Gedanke der Unaufführbarkeit in aller Eitelkeit interessiert. Weil ich Lust darauf habe, Sachen aufzubrechen, die sich nicht sofort erschließen. So ist es eine Art von Überheblichkeit, die dahintersteckt, zu sagen: Ich will das Ding knacken.
Du zitierst immer wieder Joyce in seinem Wunsch, lieber ein:en Leser:in zu haben, der Ulysses eine Million Mal liest als eine Million Leser:innen.
Das ist genauso eitel, wie dieser Versuch von ihm, Ulysses für den normalen Menschen so unlesbar wie möglich zu machen. Ich finde das hochgradig arrogant. Gerade deswegen versuche ich, das umzudrehen. Leute sollen das gucken kommen und eine Ahnung bekommen, worum es da gehen könnte oder worauf wir es als Team runtergebrochen haben.
Und wie bist du dann bei der Fassung vorgegangen?
Ich hab's wieder versucht zu lesen, so wie vor 20 Jahren auch, als ich es dann wieder weggelegt habe. Es hat ja fast jeder ein Exemplar in seinem Schrank. Und dann habe ich beim vierten Kapitel - nach 15 Lesestunden - das erste Mal kapiert, was da so passiert. Dann bin ich aufs Hörbuch umgestiegen und habe parallel gelesen. Das funktioniert manchmal wirklich viel mehr wie Musik. Die Sprache ist Klang und dementsprechend ist Hören total gut.
Dann habe ich unfassbar viel Sekundärmaterial gelesen. Es gibt diese tolle Seite und von Suhrkamp gibt es diese kommentierte Ausgabe. Das ist manchmal zu viel. Interessant wird es für mich, wenn es sehr nerdig wird und man in Reddit Holes hineingelangt oder sich diese Schweizer Joyce-Gesellschaft ansieht, die eine Woche lang eine Seite lesen und sich darüber unterhalten. Diesen ganzen Irrsinn finde ich faszinierend. Ich habe Bock, in diesem Elfenbeinturm ein bisschen rumzurandalieren.
Welchen Fokus hast du denn bei der Neubetrachtung gelegt?
Einfach ganz simpel habe ich mich gefragt: Was interessiert mich an dem Text? Es gibt Szenen, die ich komplett ignoriert habe. Dann: Wann ist es gut, die Joycesche Weirdness und Verwirrung mitzunehmen und da auch mal was nicht zu verstehen? Immer mit einem Fokus darauf, dass meine Mutter, die keine professionelle Theatergängerin ist, dann trotzdem auch wieder etwas verstehen würde. Nicht alles so kompliziert und verklausuliert zu lassen.
Eine gewisse Rahmenhandlung ist auch die Beziehung von Molly und Leopold Bloom, von deren Wohnung aus, die Zuschauenden dem Geschehen zusehen.
Das ist ja das Tragische: Live, Love, Laugh. Letztendlich ist es dieses Wandtattoo, die Rom-Com. Es gibt eine ganz tolle englische Doku und da kapiert man eigentlich, wie James Joyce dieses Ding geschrieben hat. Es ist einfach der ewige sexuell anzügliche Briefwechsel mit seiner Frau. Als er in Triest versucht hat, der große Weltliterat zu werden, haben sie sich die ganze Zeit diese versauten Briefe geschrieben. Irgendwann hat er dann beschlossen: Hey, da mache ich den ganzen Roman draus und dann hat er die Odyssee gelesen und gesagt: Hey, das transponiere ich einfach. Wie würde der Held von heute, also um 1904, aussehen? Dafür lässt er auch kein Klischee aus. Und trotzdem erzählt er was ganz Schönes über ein Paar, das gerne zusammenkommen möchte und das sich eigentlich verbinden will, aber nicht den richtigen Weg findet, das zu tun. Es ist beeindruckend, wie Missverständnisse entstehen und wie sehr aneinander vorbeigerannt wird. Ein Mann, der durch die Stadt torkelt, obwohl er das eigentlich gar nicht müsste, würde er einfach mal seinen Mund aufmachen und mit seiner Frau reden. Eine tragische, simple Rom-Com, in der keiner erlöst wird. Es kann gut sein, dass am nächsten Morgen die gleiche Scheiße schon wieder losgeht – und das mag ich daran.
Das ist es ja auch, was sich durch die Zeiten zieht: Von der Odyssee circa 700 v. Chr. über Ulysses Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu unserem Blick heute 2026.
Ja, vor allen Dingen natürlich zieht sich das durch eine sehr männlich geprägte Literatur und die großen Helden, die Walfänger oder die Drachen zähmenden Männer. Auch Odysseus, der 20 Jahre nicht nach Hause kann, weil er von diesen ganzen Frauen aufgehalten wird, weil die Winde so ungünstig sind und weil er sich mit Poseidon anlegt hat, der Arme. Alles in allem ein zutiefst patriarchales Weltbild: der arme Mann, der der Geschichte ausgeliefert ist. Wenn Frauen vorkommen, dann als Verführerinnen. Das hat eine Allgemeingültigkeit.
Und was sagt uns das über die Gesellschaft heute? Was hat sich verändert von Odysseus über Leo Bloom bis heute?
Diese ganzen Stoffe über die Männer in ihrer Krise erzählen was über unsere Gesellschaft. Es wird ja noch schlimmer mit der Male Loneliness Epidemic, also diese Unerlöstheit. Dass es einen großen Teil von Männern gibt, die ja wirklich nicht wissen, wohin. Denen dieses Weltbild fehlt des Drachenbezähmers. Es wird Zeit mal diese Seefahrer und zu hinterfragen oder eben auch die Alkoholiker, die durch Dublin oder die Schauspieler, die durch Kassel tapern.
Und warum verlangt genau dieser Stoff nach der Form zwischen Kino und Theater?
Es ist ja so geschrieben, dass Molly zu Hause ist. Leo geht in der vierten Szene los und kommt am Schluss wieder nach Hause. Dazwischen ist alles der Bewusstseinsstrom, in dem er beschreibt und laut denkt und draußen durch eine Stadt läuft. Das hat mich dazu gebracht, dass man Theater als einen Parallelraum erzählt, in dem wir mit Leo Bloom diesen Ort verlassen und somit parallel gleichzeitig in der Welt sein können. Die Frau bleibt zu Hause, der Mann stolpert durch die Nacht und die Frau fasst am Ende für uns alles wieder zusammen. So bringen wir das Kino und das Theater zusammen.
Hast du einen Lieblingsort auf der Odyssee durch Kassel?
Ja, es ist relativ einfach, weil es so kitschig ist. Das ist die Schöne Aussicht und das Dach der GRIMMWELT. Wir sind bei der ersten Probe dort hoch gegangen. Die Kamera macht auch in der Dunkelheit alles sichtbar und die Stadt hat geglüht. Da sind wir entlanggelaufen und Emilia Reichenbach hat diesen Text gesprochen, von der Modalität des Sichtbaren und Hörbaren über die Existenz des Seins an sich. Es hat mich so gekickt. Dieser Ort ist mein Lieblingsort.
Zum Abschluss: Hast du einen Lieblingssatz? Ich kenne ja deine Lieblingsworte.
Es bleibt YES, ehrlich gesagt. Es hat sich seit einem Jahr nicht geändert. Dazu kommen Zitate, die bei den Proben entstanden sind wie Let‘s keep it weird, das sind Sätze, die was mit unserem Prozess zu tun haben. Und dann gibt es im Roman die Botschaft up UP, die in einem Brief versteckt ist, von der niemand weiß, wo die eigentlich herkommt. up UP steht für mich auch dafür, sich nicht unterkriegen zu lassen, nicht den bösen Blick in sich zuzulassen, sich aus dem Sumpf der dunklen Gedanken ziehen und zu sagen: Hey, es ist möglich. Die Kombination aus up UP und YES finde ich schön. Das ist das, was für mich unter dem Abend steht.
Bert Zander (*1972) ist ein Berliner Videokünstler und Regisseur, aufgewachsen in Weimar. Seit den 1990er-Jahren arbeitet er als Video- und Livekamera-Operator und realisierte über 100 Theaterproduktionen in Europa. Seit 2018 führt er auch Regie nach FAUSTGretchen und Krieg und Frieden zum dritten Mal am Staatstheater Kassel.
PENELOPE
MOLLY &
WIR
Penelope webt und trennt wieder auf. Ein Totentuch als List, um die Freier hinzuhalten, während Odysseus zehn Jahre braucht, um vom Krieg nach Hause zu kommen. Winde, Frauen, Versuchungen halten ihn auf. Zu Hause: Die treue Wartende. Ein Bild, das sich gehalten hat. Eines, das beruhigt und ordnet.
Margaret Atwoods Blick auf die Geschichte Penelope und die zwölf Mägde verschiebt diese Ordnung. Penelope spricht dort selbst – und nicht nur sie. Auch die Mägde treten hervor, widersprechen, erinnern anders. Die Geschichte bekommt Risse. War Penelope wirklich nur die Wartende? Und wozu hat sie an dem Totentuch gearbeitet?
Diese Risse setzen sich fort, bei Molly Bloom wie James Joyce sie in Ulysses geschrieben hat. Auch Molly wartet nicht einfach. Während Leopold Bloom unterwegs ist, lädt sie Blazes Boylan zu sich ein. Sie nimmt sich Zeit, Raum, Körper. Für 1904 ist das eine Zumutung, eine Öffnung, ein Skandal – und zugleich vielleicht ein erster Entwurf dessen, was weibliche Selbstbestimmung literarisch sein kann.
Und doch: Aus heutiger Perspektive bleibt etwas ungesagt bei Penelope und Molly. Eine Sprache für die Widersprüche weist Leerstellen auf. Für Lust ohne Rechtfertigung. Für Körperlichkeit jenseits von Projektion. In wir kommen von dem Autor:innenkollektiv Liquid Center kommt noch expliziter zur Sprache, was Molly Bloom bereits beginnt zu thematisieren. Schleim, Duschbrausen, Blähungen, Alter, unperfekte Körper – all das gehört eben auch zur Sexualität dazu. Lust ist nicht nur Höhepunkt oder Begehren, sondern ein Geflecht aus Alltag, Scham, Veränderung. Etwas, das sich nicht glätten lässt. Molly denkt nach ohne Stringenz und Ergebnis mit schwer zu verfolgendem Zusammenhang.
Gedanken wie die von Tara-Louise Wittwer verschieben den Blick in Bezug auf Beziehungskonstrukte: Die Entscheidung für eine Beziehung ist keine Notwendigkeit mehr. Wenn Frauen heute einen Mann wählen, dann, weil sie es können. Nicht weil sie müssen. Weil sie denken, dass dieser Mann im Lexikon neben „not all men“ stehen müsste. „Dann ist es ein Jackpot“ – eine überspitze, aber präzise Beschreibung eines Machtverhältnisses, das sich verschoben hat. Eine Beziehung nicht aus Bequemlichkeit oder Angst. Vielmehr ein: Ja, ich weiß. Ja, trotzdem.
Und so liegt Molly da, nachts, neben dem heimkehrenden Mann. Wach. Denkend. Begehrend. Und wir hören in ihrem Monolog ein ungebrochenes Jetzt. Ein Drängen und gleichzeitig auch eine Weigerung, sich zu ordnen. Bejahungen, Nachdenken, Wünschen und Fordern aber keine Antworten, immer auch eine Selbstbefragung.
Es geht nicht darum, Penelope gegen Molly auszuspielen oder Molly mit heutigen Diskursen zu verbessern. Es geht darum ihre Fäden weiterzuführen. Zu verknüpfen, was getrennt war: Warten und Handeln. Treue und Begehren. Mythos und Alltag. „Zuversicht und Möglichkeiten in die Welt flechten“ – so beschreibt es Heike Geißler in ihrem Essay Verzweiflungen, wenn sie darüber nachdenkt, wie ihre Kinder sie aus ihren Verzweiflungen herausholen.
Und so bleibt doch etwas, von der Überlieferung Penelopes, woran es festzuhalten gilt: Warum auch immer sie gewebt haben soll, wir können anschließen und weiter weben, nicht mehr, um aufzuhalten, sondern um sichtbar zu machen, was längst da ist und dort hinzuweben wo wir hinmöchten.
Wir danken Monika Gerke-Heine für die freundliche Unterstützung und belverde floristik & ambiente für die Premierenblumen.
Fotos: Isabel Machado Rios, 17. Mrz 2026 | Herausgeber: Staatstheater Kassel | Intendant: Florian Lutz | Geschäftsführender Direktor: Stefan Votel | Redaktion: Laura Kohlmaier | Spielzeit 2025/26 | Gestaltung: Grafikabteilung | Website: Stefan Endres | Änderungen vorbehalten