tHE bAD/Shuv

tHE bAD/Shuv

tHE bAD

von Hofesh Shechter

tHE bAD ist eines jener Werke, die sich nicht einfach anschauen lassen, sondern erlebt werden müssen. Hofesh Shechter, bekannt für seine unverwechselbare Verbindung aus pulsierendem Rhythmus, kraftvoller Bewegung und physischer Intensität, schafft hier ein choreografisches Spiel und Klangfeld, das unmittelbar unter die Haut geht. Die ursprünglich 2015 für eine kleinere Besetzung entstandene Arbeit, vereint rohe und archaische Energie, zeigt überraschende musikalische Wendungen und fein austarierte Struktur zu einer Bühnenerfahrung, die zugleich mitreißend, nachdenklich und offen bleibt, die einem nahezu direkt um die Ohren fliegt.

Schon in den ersten Minuten wird spürbar, wie sehr Shechter den Körper als eine Art von Imaginationsraum versteht: Die Tänzer:innen bilden einen vibrierenden Organismus, der sich ständig neu findet und neu formiert, sich aber auch wieder verliert. Aus der scheinbaren Unordnung entsteht ein präziser Bewegungsfluss, in dem Gruppen sich formieren, wieder aufbrechen und neue Muster hervorbringen. Dieses Spiel mit Energie und Struktur prägt das Stück – und macht seinen besonderen Reiz aus. Man folgt keinem Narrativ, sondern einer Dynamik, die ebenso intuitiv wie unerwartet wirkt. Das Stück steckt voll von permanenten Überraschungen.

Ein zentraler Impuls des Stücks liegt darin, Intuition zur Methode zu machen. Shechter beschreibt tHE bAD als Versuch, ein Stück zu schaffen, „ohne es kaputtzudenken“. Dieser Ansatz ist spürbar: Die Bewegungen wirken frei, unmittelbar, als folgten sie einem inneren Strom. Aber die Freiheit bleibt nicht ungebrochen. Sie wird geprüft, herausgefordert, immer wieder in die Frage gestellt: Wie viel Raum geben wir dem Instinkt? Wo beginnt die Gruppe, wo endet das Individuum? In dieser Spannung liegt eine stille, aber wirkungsvolle Dramaturgie.

Die Musik ist in tHE bAD nicht nur Begleitung, sondern treibende Kraft. Der Sound-Mix – elektronische Beats, Reminiszenzen an Dubstep, barocke Klänge von Jordi Savall, ergänzt durch Shechters eigene Kompositionen – schafft ein akustisches Terrain, das zugleich geerdet und rauschhaft wirkt. Der Rhythmus drängt vorwärts, zieht die Körper mit, lässt sie anschwellen, abreißen, wiederfinden. Diese musikalische Vielschichtigkeit erzeugt einen Sog, der das Publikum unmittelbar erreicht. Man spürt den Puls der Musik, als wäre er ein gemeinsamer Atem.

Zugleich öffnet tHE bAD einen Denkraum, der über das rein Körperliche hinausgeht. Shechter stellt keine Thesen auf – er lässt eine Erfahrung entstehen, in der Fragen nach Gemeinschaft, Widerstand, Entscheidung und Zugehörigkeit körperlich spürbar werden. Wie viel Chaos hält ein Kollektiv aus? Wie entsteht Einheit? Wo bricht sie? Und was bedeutet Freiheit in einem System, das immer zugleich Halt und Begrenzung bietet? Ohne diese Fragen auszusprechen, setzt das Stück Impulse, die lange nachwirken. Unbewusst wird das Stück zu einer hochpolitischen Exploration unserer Gegenwart. tHE bAD ist kein abgeschlossenes Kunstwerk, sondern ein lebendiger Prozess, der sich mit jeder Umsetzung verändert und erweitert. Diese Wandlungsfähigkeit zeigt, wie zeitlos und zugleich hochaktuell Shechters choreografisches Denken ist.

Am Ende bleibt ein Eindruck von drängender Kraft und offener Neugier. tHE bAD ist ein Werk, das Bewegungen nicht erklärt, sondern spürbar macht. Es lädt ein, sich mitreißen zu lassen – vom Rhythmus, von der Energie der Gruppe, von der Lust am Tanz. Und es erinnert daran, dass in jeder Form von Bewegung auch eine Frage steckt: Wie wollen wir zusammen leben, tanzen, widerstehen und uns behaupten? Dabei zeigt das Stück auch wie zerbrechlich Gesellschaften, Beziehungen sind und stellt die Frage nach Identität und Zukunft.

Tanzende Silhouetten auf dunkler Bühne im warmen orangefarbenen Licht.
Ensemble TANZ_KASSEL
Glänzende goldene Tanzende in dynamischen Posen auf dunkler Bühne.
Ensemble TANZ_KASSEL
Tanzende in goldenen Anzügen springen auf dunkler Bühne.
Ensemble TANZ_KASSEL
Tanzende in goldenen Anzügen auf dunkler Bühne.
Klil Ela Rotshtain, Ensemble TANZ_KASSEL
Tanzende in glänzenden goldenen Anzügen auf der Bühne.
Ensemble TANZ_KASSEL
Tanzende in goldenen Kostümen auf der Bühne im Rampenlicht.
Ensemble TANZ_KASSEL
Tanzende Personen in goldenen Anzügen auf dunkler Bühne.
Ensemble TANZ_KASSEL
Tanzende in goldfarbenen Anzügen, dynamische Choreografie auf dunkler Bühne.
Ensemble TANZ_KASSEL
Gruppe Tanzender in goldenen Anzügen auf dunkler Bühne.
Ensemble TANZ_KASSEL
Ensemble TANZ_KASSEL

Pizza, Unendlichkeit und ewige Wiederkehr

Interview mit dem Choreografen Eyal Dadon

Welche Bedeutung hat der Titel Shuv und wie spiegelt er die Themen des Stücks wider?

„Shuv“ ist hebräisch und bedeutet „wieder“. Das Wort handelt von einem Loop, einer Schleife. Das Zurückschauen auf den Loop oder Kreis von Leben und Tod lehrt uns, dass jedes „Auf Wiedersehen“ das Versprechen eines „Hallo“ im Kreis des Seins verspricht.

Wie hast du die Musik von John Adams, insbesondere Shaker Loops, in deine Choreographie integriert, um den natürlichen Kreislauf von Leben und Tod zu repräsentieren?

Es hat mich viel Zeit gekostet, die richtige Musik für die Idee des Stücks zu finden. Nach endlosen Gesprächen und Vorschlägen von Thorsten Teubl, dem Tanzdirektor von TANZ_KASSEL, und Viktor Jugović haben wir diese Musik gefunden, die aufgrund der Kompositionsweise perfekt zu der Idee eines Loops passt. Es ist ein sehr mathematisches Musikstück, das aus verschiedenen Loops besteht, die ineinander übergehen und in meinen Ohren ein organisiertes Chaos schaffen - etwas, was unsere bescheidenen Gedanken menschlicher Wesen verarbeiten müssen, um dessen Logik nach dem Hören zu verstehen. Das ist genau der Weg, den ich für die Gestaltung von Bewegung mag - viele Lagen übereinander mit einem starken mathematischen und geometrischen Sinn, voll von Qualität.

Was bedeutet dir die Musik?

Ich habe die Musik mehr als 300 Mal gehört und jedes Mal habe ich mir etwas anderes vorgestellt. Der Leitfaden, der diese 300+ Bilder verbindet, die mir in den Sinn kamen, handelt von der Frage nach Endlichkeit und Unendlichkeit. Die Frage rund um diese beiden bringt mich in einen Loop.

Warum nutzt du auch digitale Musik?

Zuerst einmal ist die „digitale“ Musik nicht nur digital: Ja, es gibt Elemente, die wir elektronisch produziert haben, aber die meisten der Instrumente sind Live-Instrumente, einschließlich der Stimmen, die wir in Beduinenstämmen (Orte, wo der Tod eine andere Bedeutung hat als das, was die meisten von uns kennen) aufgenommen haben. Wir haben Erwachsene und Kinder gebeten, Stimmen zu interpretieren, die mit dem Tod verwandt sind, und Stimmen, die mit dem Leben verwandt sind. Der Anlass für die Produktion dieser Musik war mein Gefühl, dass der Tod und das Leben wie zwei Seiten einer Münze sind, und ich möchte beide Seiten in dem Stück sehen. Shaker Loops ist nur eine Seite der Münze. Es war schön zu sehen, wie Shaker Loops mit der aufgenommenen Musik verschmolz und eins wurde. Wir haben diesen Teil der Musik KMO - auf hebräisch bedeutet das „wie“- genannt und für mich ist KMO die andere Seite der Münze in dem Stück.

Welle Rolle spielt die Zusammenarbeit mit dem Sounddesigner Gil Yaacov Nemet bei der Erschaffung des Klangraums von Shuv?

Ich kenne Gil jetzt seit 17 Jahren. Gil ist ein vielseitig talentierter Künstler und ein großartiger Musiker. Nemet ist derjenige, der KMO aufgenommen und komponiert hat. Wir haben Tage und Nächte zusammengesessen, um zu brainstormen und Ideen in seinem Studio in der Wüste von Israel aufzunehmen, einem Platz, wo es nur Sand und Wind gibt. Danach habe ich sein Stück genommen und bearbeitet. Ich habe es gemischt und hier in Kassel während des Prozesses mit den Tänzer:innen angepasst.

Wie hast du mit den Tänzer:innen von TANZ_KASSEL gearbeitet, um die Idee des unendlichen Kreises von Geburt, Tod und Wiedergeburt durch Tanz auszudrücken?

Mit der einfachen Idee, das Gefühl von Unendlichkeit in jeder Handlung zu finden.

Gibt es eine Verbindung zwischen dem Stück Shuv und der aktuellen Situation in Israel?

Auf eine gewisse Weise hat jeder eine Verbindung zwischen der eigenen Lebenserfahrung und dem, was man tut, sagt oder denkt. Also vielleicht unterbewusst, ja.

James Potter auf Bühne mit ausdrucksstarker Geste.
James Potter
Selene Martello auf dunkler Bühne in dynamischer Bewegung.
Selene Martello
Kesi Rose Olley Dorey und Klil Ela Rotshtain in dunkler Kleidung performen dynamisch auf der Bühne.
Kesi Rose Olley Dorey, Klil Ela Rotshtain
Shafiki Sseggayi in dynamischer Pose auf nebliger Bühne.
Shafiki Sseggayi
Gruppe Tänzer:innen auf Bühne, Matthias Vaucher springt dynamisch.
Matthias Vaucher, Ensemble TANZ_KASSEL
Matthias Vaucher und James Potter tanzen eng umschlungen auf der Bühne.
Matthias Vaucher, James Potter

Wie arbeitest du als Choreograf? Wie ist deine Technik?

Ich habe keine Technik. Ich gucke nur nach etwas Interessantem, das im Raum passiert. Wenn ich es finde, versuche ich, es wie ein kleines Kind zu verfolgen, und ich versuche, es zusammen mit den Menschen im Raum zu verstehen. Ich gebe zu, dass ich Schummeleien im Prozess habe: meine Partnerin und Assistentin im Gestaltungsprozess, Frau Tamar Barlev. Sie ist der Kompass der Wahrheit und Ehrlichkeit in Bezug auf die Authentizität im Arbeitsraum. Sie zu haben, hilft mir sehr, die Wahrheit des Stückes zu finden und die Tänzer:innen zu leiten sowie auch mich selbst.

Wenn du deinen choreografischen Stil beschreiben müsstest, was wäre deine Beschreibung?

Es fühlt sich an, als wäre ich ich selbst als Person. Ich fühle, dass jede Bewegung oder jeder Moment ein kleines Geheimnis in sich hat, eine Art Mysterium.

Wenn Shuv eine Farbe wäre, welche Farbe wäre es?

Keine Farbe und alle Farben gleichzeitig.

Beschreibe dein Stück Shuv für Kinder. Wie würdest du das Stück einem Kind erklären?

Ich würde es ihnen wie einen Witz erzählen. In etwas so:

Montagabend:
Kind: „Mama, gibt es etwas zu essen? Ich habe Hunger!“ 
Mama: „Pizza“ 
Kind: „Jaaaaa!! Pizza! Ja, ja, ja! Das ist fantastisch! Ich liiiiebe Pizza! Pizza! Pizza! Pizza! Pizza!“

Dienstagabend:
Kind: „Mama, gibt es etwas zu essen? Ich habe Hunger!“ 
Mama: „Pizza“ 
Kind: „Ja!! Pizza! Ja, ja, ja! Das ist fantastisch! Pizza! Pizza! Pizza!“

Mittwochabend: 
Kind: „Mama, gibt es etwas zu essen? Ich habe Hunger!“ 
Mama: „Pizza“ 
Kind: „Ja!! Pizza! Ja, ja, ja! Pizza! Pizza!“

Donnerstagabend: 
Kind: „Mama, gibt es etwas zu essen? Ich habe Hunger!“ 
Mama: „Pizza“ 
Kind: „Nett, ja, danke Mama! Pizza!“ 

Freitagabend:
Kind: „Mama, gibt es etwas zu essen? Ich habe Hunger!“ 
Mama: „Pizza“ 
Kind: „Pizza? Ok, ja, warum nicht, das ist nett, ich mag schließlich Pizza. Wie schlimm könnte es schon sein? Es ist Pizza.“

Samstagabend: 
Kind: „Mama, gibt es etwas zu essen? Ich habe Hunger!“ 
Mama: „Pizza“ 
Kind: „Pizza? Wieder? Ach, sicher, zumindest bezahle ich nicht für diese Pizza.“

Sonntagabend:
Kind: „Mama, gibt es etwas zu essen? Ich habe Hunger!“ 
Mama: „Pizza“
Kind: „Komm schon!! Schon wieder?? Wie oft kann ich Pizza essen?? Ernsthaft! Was zur Hölle?!?!?! Pizza?!?!“

Montagabend: 
Kind: „Mama, gibt es etwas zu essen? Ich habe Hunger!“ 
Mama: „Pizza“ 
Ein Kind: „Jaaaaa!! Pizza! Ja, ja, ja! Das ist fantastisch! Ich liiiiebe Pizza! Pizza! Pizza! Pizza!“

Was soll das Publikum aus deiner Performance mitnehmen? Welche Botschaft oder Emotion möchtest du dem Publikum in Shuv mitteilen, besonders im Kontext des Themas der Vergänglichkeit?

Ich wünsche mir, dass sie die Zeit vergessen, wenn sie die Vorstellung ansehen, auch wenn nur für einen Moment. Dann werden sie vielleicht einen kleinen Moment des Vergessens erleben - was für mich der Tod ist - aber zur gleichen Zeit können sie auch etwas fühlen - was für mich das Leben ist.

Wie unterscheidet sich dein choreographischer Ansatz in Shuv von vorherigen Werken?

Ich bin in anderen Stücken die gleiche Person wie in Shuv, aber die Tatsache, dass ich an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten bin und mit unterschiedlichen Tänzer:innen und einer anderen Company arbeite, führt zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Wie beeinflusst dein israelischer Hintergrund deine künstlerische Perspektive und wie wird das in Shuv widergespiegelt?

Ich denke, was ich durch meinen israelischen Hintergrund dazubekommen habe, ist die Spannung, die dort in der Luft ist. Eine Art von Wachsamkeit, die immer da ist; der Überlebensmodus, für alles jederzeit bereit zu sein, aber trotzdem ruhig zu reagieren. Ich denke, dass das der Hauptschlüssel für die Qualität ist, die ich suche, wenn ich Tanzstücke schaffe. Der Wille, die Spannung in der Luft zu finden, aber es ruhig zu halten. Als ob der Tod einen Anzug trägt und ein Geschäftsmeeting mit der Liebe hätte.

Welche Rolle spielt visuelle Ästhetik wie Design und Kostüme in Shuv?

Das Bühnenbild und die Kostüme haben eine wichtige Rolle und sie unterstützen die Intention des Körpers und die Bewegungen der Tänzer:innen. Das haben sie geschafft.

Wie war es für dich, in Kassel zu sein? Wie gefällt dir Kassel? Wie ist deine Beziehung zur Company? Wie würdest du die Tänzer:innen von TANZ_KASSEL beschreiben?

Es ist für mich eine Herausforderung, in Kassel zu sein, weil es anders ist als der Ort, wo ich herkomme. Aber es ist aus demselben Grund auch erfrischend.
Ich schätze die Ehrlichkeit, die ich mit der Company habe. Wir haben einen schönen Prozess - nicht, weil es einfach und nett ist, sondern weil es offenes und ehrliches Feedback zum Geschehen gibt. Diese Art von Ehrlichkeit gibt Qualität und einen Wert des Vertrauens. Ich bin gewachsen und habe hier in meiner Zeit viel gelernt.
Die Tänzer:innen sind sehr unterschiedlich, aber dennoch bescheiden und respektvoll, sodass sie zuhören. Das gibt viel Energie, wenn die Dinge an den richtigen Platz fallen. Dann haben ihre wunderbare Qualität des Tanzens und ihre Unterschiede einen großen Einfluss nach außen - als Individuum, aber auch als Gruppe. Es ist eine besondere Kombination aus Talenten.

Beschreibe dein Stück in einem Satz.

Ein unendlicher Kampf zwischen nichts und allem.

Tanzgruppe performt zeitgenössischen Tanz auf nebliger Bühne.
Ensemble TANZ_KASSEL
Tanzende Personen.
Matthias Vaucher, James Potter, Klil Ela Rotshtain, Selene Martello
Gruppe Tänzer:innen steht auf nebliger Bühne
Ensemble TANZ_KASSEL
Tänzer:innen in knieender Pose.
Ensemble TANZ_KASSEL
Posierende Tänzer:innen auf der Bühne.
Ensemble TANZ_KASSEL
Tanzende Personen auf runder ausgeleuchteter Bühne.
Ensemble TANZ_KASSEL

Shaker Loops - Klänge in Bewegung

von Swantje Elisabeth Sohnrey

Wavemaker – Musikalisch erschaffene Wellen

Der Blick schweift über eine glatte Wasseroberfläche. Immer wieder wird sie von Wellen unterschiedlicher Größe und Geschwindigkeit durchschnitten. Manche dieser Wellen weiten sich unaufhaltsam aus. Andere treffen auf Hindernisse. Das Zusammentreffen mehrerer Wellen lässt sie miteinander verschmelzen und etwas Neues wird geschaffen.

Mit einem solchen Bild vor Augen komponierte John Adams 1978 das Stück Wavemaker. Mit den Mitteln der Minimal Music ließ er aus sichtbaren Wellen ein hörbares Bild entstehen. Klangliche Wellen, die sich ausbreiten und überlagern, bilden einen Klangteppich, der an die schimmernde Wasseroberfläche eines Sees erinnert. Erschaffen werden diese Wellen von einem Streichquartett, denn die spezifische Klangerzeugung der Streichinstrumente macht es möglich, die Gestalt der Wellen durch nahtlose Übergänge sowie Oszillationen akustisch nachzuahmen.

Eine Hommage an die Minimal Music

Das Stück Wavemaker war ein Experiment, das aus John Adams‘ Begeisterung für minimalistische Musik entstand. Bis heute gilt Adams als einer der bekanntesten Vertreter der Minimal Music, einer musikalischen Strömung der Neuen Musik, die in den 1960er Jahren begann. In Wavemaker arbeitete Adams mit den typischen Merkmalen dieser Strömung: Repetitionen, Verschiebungen, Überlagerungen und Kontinuität.

Das Bild von Wellen, die sich auf einer Wasseroberfläche ausdehnen und aufeinandertreffen, sich überlagern und in ihrer Intensität und Richtung gegenseitig beeinflussen, scheint geradezu ideal für die Umsetzung der Prinzipien der Minimal Music zu sein. Doch das Stück fand leider keinen Anklang beim Publikum: Wavemaker wurde ein Misserfolg.

“Man is a harp with a thousand strings.
Touch the spiritual cord of his heart,
and lo, with what inspiration he sings!”

Sprichwort der Shaker nach Ann Gabhart

Shaker Loops – Von der Bewegung zum Klang

Adams ließ sich durch den Misserfolg von Wavemakers nicht entmutigen und wagte noch im gleichen Jahr einen neuen Anlauf. Der Titel seiner neuen Komposition war Shaker Loops und wurde im Dezember 1978 vom New Music Ensemble of the San Francisco Conservatory als Streichseptett uraufgeführt. Möglicherweise kam das Stück dem Publikum bekannt vor, denn es beinhaltet Teile aus Wavemakers. Dieses Mal verzichtete Adams aber auf die Darstellung von Wasserwellen. Der Titel Shaker Loops verrät uns, dass der Komposition neue Ideen zugrunde liegen.

Shaker ist der Name einer freikirchlichen Religionsgemeinschaft in den USA. Adams verbrachte einen Teil seiner Jugendzeit in der Nähe einer solchen Shakersiedlung und dürfte mit deren Kultur vertraut gewesen sein. Der Name Shaker leitet sich von den schüttelnden oder zitternden Bewegungen der Tänze ab, die für diese Religionsgemeinschaft zum Gebet gehören. In Shaker Loops finden wir diese Bewegungen akustisch wieder. Das Stück ist durchzogen von Trillern und Tremolo, also schnellen, sich wiederholenden Wechseln zwischen zwei Noten bzw. das schnelle Wiederholen derselben Note. Von den Musikern erfordert das Spielen von Shaker Loops also zitternde Bewegungen der Arme und Hände. Die Streicher übernehmen die Bewegungsqualität der Tänzer, um den Tanz hörbar zu machen.

Als Loop bezeichnet man in der Musik eine sich stetig wiederholende Phrase. Der Titel Shaker Loops beschreibt also das, was das Publikum akustisch erwartet: repetitive Abschnitte oszillierender Klänge.

Oszillation in vier Teilen

Doch was passiert eigentlich in Shaker Loops? Was unterscheidet Shaker Loops von Wavemakers? Beide Stücke beruhen auf den Prinzipien der Minimal Music. Doch während sich Wavemakers streng an diese Prinzipien hält, entscheidet sich Adams in Shaker Loops für eine freiere Kompositionsweise. Das Erzeugen eines Spannungsaufbaus, Tempo- und Dynamikwechsel sowie der größere Freiraum der Musiker widerspricht dem Streben der minimalistischen Musik nach einem durchgängig gleichbleibenden Charakter. Für Adams ergeben sich daraus jedoch mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Er komponiert vier Abschnitte mit unterschiedlichen Charakteren, die durch die Spielweise der Streichinstrumente erzeugt und durch die Bezeichnungen der Sätze beschrieben werden.

1. Shaking and Trembling 
2. Hymning Slews
3. Loops and Verses
4. A Final Shaking

Adams weist jedem der sieben Streichinstrumente eine Phrase zu, die sich mehrmals wiederholt. Die Phrasen haben unterschiedliche Längen, sodass sie sich beim Zusammenspiel gegeneinander verschieben und überlagern. Es entsteht ein Klangteppich ähnlich wie bei Wavemaker, doch dieses Mal ohne die Vorstellung von Wellen, sondern von „Shaker Loops“.

John Adams (*1947)

John Adams gilt neben Steve Reich und Philip Glass als einer der wichtigsten Komponisten der Minimal Music. Geboren und aufgewachsen in New England, lernte er das Klarinettespielen als Kind von seinem Vater und musizierte zunächst in Marschkapellen und Gemeindeorchestern. Seine ersten Kompositionen schrieb er bereits im Alter von 10 Jahren und während seines Studiums an der Harvard University spielte Adams im Boston Symphony Orchestra. Er schloss das Studium mit zwei Abschlüssen ab und zog anschließend nach Kalifornien, wo er am San Francisco Conservatory of Music unterrichtete. Zehn Jahre später wurde er Komponist für die San Francisco Symphony. Neben etlichen Grammy Awards erhielt er für seine Arbeit auch mehrere Doktorwürden angesehener Universitäten wie beispielsweise Harvard und Yale.

Zu Adams bekanntesten Werken zählen neben Shaker Loops u.a. Harmonielehre, Chamber Symphony und Short Ride in a Fast Machine.

Biografien

Hofesh Shechter

Hofesh Schechter mit verschränkten Armen vor Plakatsäule.
Hofesh Schechter, Foto: David Rose

Der Choreograf, Filmemacher und Komponist Hofesh Shechter OBE ist Künstlerischer Leiter der in Großbritannien ansässigen Hofesh Shechter Company, die 2008 gegründet wurde und deren gefeierte Produktionen unter anderem Political Mother und Grand Finale umfassen. Shechter ist Co-Direktor des L’Agora - Cité internationale de la Danse in Montpellier, assoziierter Künstler von Sadler’s Wells und Künstler-in-Residence bei Gauthier Dance (2021–2026). Er gilt als einer der aufregendsten Künstler, die sowohl für die Bühne als auch für den Film arbeiten. Seine Werke wurden von führenden britischen und internationalen Tanzkompanien inszeniert, darunter das Alvin Ailey American Dance Theater (USA), die Candoco Dance Company (UK), die Martha Graham Dance Company (USA), das Nederlands Dans Theater 1 (NL), das Paris Opera Ballet (FR), das Royal Ballet (UK) und das Royal Ballet Flanders (B).

Er hat für Theater, Fernsehen und Oper choreografiert, insbesondere an der Metropolitan Opera (New York) für Nico Muhly’s Two Boys, am Royal Court für Motortown und The Arsonists, am National Theatre für Saint Joan und für die Channel-4-Serie Skins. Zusammen mit John Fulljames co-diregierte er Glucks Orphée et Eurydice am Royal Opera House und LIGHT: Bach dances, eine Koproduktion mit der Royal Danish Opera, die den FEDORA – VAN CLEEF & ARPELS Prize for Ballet 2020 gewann, sowie Oedipus, eine Produktion des Old Vic in Zusammenarbeit mit der Hofesh Shechter Company.

Shechter hat drei kurze Tanzfilme inszeniert, darunter Clowns (2018), der von der BBC ausgestrahlt wurde, POLITICAL MOTHER: The Final Cut (2021) und Return (2023). Er arbeitete mit dem französischen Filmemacher Cédric Klapisch am Spielfilm En corps zusammen, in dem er mit seiner Company auftrat. Der Film wurde 2022 veröffentlicht, zusammen mit einem von Shechter komponierten Soundtrack.

Er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter einen Audience Choice Award beim Place Prize 2004 für Cult, den Preis für Exzellenz im internationalen Tanz des British Theatre Institute (2011), eine Tony-Nominierung für seine Arbeit an Fiddler on the Roof (2016), den Preis für besten Tanzfilm beim Festival de Cannes (2023), Nominierungen für den Olivier Award für die beste neue Tanzproduktion für Grand Finale (2018), beste neue Tanzproduktion für Theatre of Dreams (2025) und bester Theaterchoreograf für Oedipus (2025). 2014 war er Gastdirektor des Brighton Festivals, und 2018 wurde er mit einem Ehren-OBE für Verdienste um den Tanz ausgezeichnet.

Eyal Dadon

Eyal Dadon vor dunklem Hintergrund.
Eyal Dadon

Eyal Dadon, im November 2024 vom israelischen Kultusministerium für seine Arbeiten der letzten zehn Jahre ausgezeichnet, wurde 1989 in Israel geboren und absolvierte seine Ausbildung in klassischem und modernem Tanz an der Bat Dor Dance School in Be'er Scheva. Als Tänzer war Dadon bei der Kamea Dance Company, bei der Kibbutz Contemporary Dance Company engagiert. Darüber hinaus absolvierte er ein Studium der Musikproduktion an der „BPM University“ absolviert und entwirft Original-Soundtracks für seine Tanzstücke sowie Soundtracks für die Kibbutz Dance Company in Zusammenarbeit mit dem künstlerischen Leiter der KCDC, Rami Be'er.Seit 2011 widmet sich Eyal Dadon seinen eigenen choreografischen Arbeiten, für die er nationale wie internationale Anerkennung erhält. 

Er kreierte für führende Kompanien weltweit, darunter das Stanislavsky Ballett Moskau, die Kibbutz Dance Company Israel, das Xin Xie Dance Theatre Shanghai, BJ9CDT Beijing (Beijing 9 Contemporary Dance Theatre), das Chang Dance Theatre Taiwan, das Jerusalem Dance Theater, die Bayerische Staatsoper, das Gärtnerplatz Theater München, das Thalia Theater Hamburg, das tschechische National Theater Prag, das Hessische Staatsballett Wiesbaden, die Fresco Dance Company Israel und die Compagnie Aterballetto in Italien. 2016 wurde Eyal Dadon zum künstlerischen Leiter des House of Dance in Be’er Sheva ernannt, wo er seine eigene Compagnie, die SOL Dance Company, gründete. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehören der Jeong Mak Arts Award (Südkorea 2021), der erste Preis beim Hannoverschen Choreografiewettbewerb 2014 für sein Duett Pishepsh, in Zusammenarbeit mit Tamar Barlev, der Yair Shapira-Preis 2014 für den Tänzer des Jahres in Anerkennung seiner Beiträge zur israelischen Tanzszene und zur Kibbutz Contemporary Dance Company. Dadon erhielt außerdem einen Preis beim Jerusalemer MASH-Choreografiewettbewerb für Pishpesh (2015), den Outstanding Promising Dancer Award (2008) und von 2006 bis 2008 das America Israel Culture-Stipendium. Mit seinem Stück BOLERO für das Hessische Staatsballett Im Jahr 2022 wurde Dadon als eine der vielversprechendsten choreografischen Stimmen im Jahrbuch des Fachmagazins tanz genannt.

Anastasios Tassos Sofroniou

Anastasios Tassos Sofroniou mit Kappe und Brille, dunkler Hintergrund, Kronleuchter.
Anastasios Tassos Sofroniou

Kostümbildner

Der griechische Modeunternehmer, Dozent und Kostümbildner Anastasios Tassos Sofroniou begann seine Karriere als Moderedakteur in Athen, Griechenland. Mitte der 1990er Jahre zog er nach London, wo er exklusiv mit der global bekannten britischen Mode-Ikone Isabella Blow sowie mit Fotograf:innen wie Richard Alvedon, David La Chapelle oder Mario Testino und für Zeitschriften wie The Face, Surface, Interview US, British GQ, Sunday Times Style und Elle arbeitete. 2010 brachte er seine eigene zeitgenössische Marke Conquistador Menswear auf den Markt und gründete 2012 seine Kreativ- und Markenberatungsagentur Mesvor Consulting Ltd. Seit 2011 arbeitet er als Kostümbildner mit dem Choreografen Andonis Foniadakis zusammen und entwirft Kostüme für renommierte zeitgenössische Tanzcompanies und Opernhäuser weltweit, darunter Martha Graham Dance Company, Cedar Lake Contemporary Ballet, Genfer Oper und Ballett, Oper Florenz, Sydney Dance Company, CCN – Ballet de Lorraine, Rambert London, Opera Ballet Vlaanderen und Athens International Dance Festival.

Gil Yaacov Nemet

Schwarz-Weiß-Porträt von Gil Yaacov Nemet mit Undercut und Bart.
Gil Yaacov Nemet

Sounddesign

Gil Nemet hat sich als interdisziplinärer Künstler einen Namen gemacht. Er ist Musiker, Videograf und bildender Künstler. Seine Arbeiten sind für mutige, innovative und unerwartete Wendungen bekannt, die aus der Verbindung und Kombination seiner künstlerischen Fähigkeiten resultieren. Das ästhetische Spektrum seiner Werke reicht von verstörend und provokant bis zu sentimental, humorvoll und possierlich, während er sein Publikum in seinen Bann zieht.
Mit 38 Jahren kann Nemet bereits auf zahlreiche Ausstellungen und Shows in anerkannten Museen zurückblicken und hat mit herausragenden Talenten sowohl aus der Musik- als auch der Tanzszene zusammengearbeitet.

Wir danken belverde floristik & ambiente für die Premierenblumen.
Die Tänzer:innen von TANZ_KASSEL werden betreut von unserem Medical Care Management Team: HealthMotion, Gemeinschaftspraxis für Physiotherapie & Krankengymnastik sowie Andreas Hempel Osteopath.

Impressum
Fotos: Sylwester Pawliczek, 10. Dez 2025 | Herausgeber: Staatstheater Kassel | Intendant: Florian Lutz | Geschäftsführender Direktor: Stefan Votel | Tanzdirektor: Thorsten Teubl | Redaktion: Lars Gunnar Anderstam, Zélie Harscouët, Thorsten Teubl | Spielzeit 2025/26 | Gestaltung: Georg Reinhardt | Website: Stefan Endres | Änderungen vorbehalten.