Musst dich von Zuhause loseisen.
Wegreißen mit Gebrüll.
Die Szenerie ist ganz banal.
Ein spitzes Haus und oben drin Wohnung von Frau und Kind.
Wenige Meter entfernt geht eine Brücke über den Schlonz.
Die Welt ist dort wie ausgewechselt,
das Licht fällt irgendwie anders.
Vera lebt mit ihrer Mutter in engen Verhältnissen am Kanal. Ein Miteinander ist die meiste Zeit eher Nebeneinanderher. Sie schaffen es nicht, wirklich miteinander zu kommunizieren. Die Mutter ist gefangen in ihrer Abwesenheit und Vera immer wieder im Versuch, irgendeine Art der Zuneigung oder des Austausches zu bekommen, mit jemandem zu sprechen über die Ahnungen, die sie hat, die Stimmen, die sie hört. Auf der anderen Seite des Kanals spielen sich interessante Szenen ab. Es räkelt und raunzt – sind das Furien? Aus festgefahrener Gleichförmigkeit macht Vera sich auf in den Schlonz und es eröffnen sich neue Möglichkeiten für sie. Die Furien finden eine andere Sprache für die Welt, begegnen ihr mit einer anderen Leichtigkeit und überschreiten Grenzen der Scham. Während Vera ausbricht, tritt auch die Mutter aus ihrem Sessel heraus und mit Matthias, dem neuen Betreiber der Bar Zum Schlager, in Kontakt. Der interessiert sich auch für die andere Seite des Kanals und vor allem für die glänzenden Mädchenkörper dort. Als er auf Vera trifft, wird aus dem einvernehmlichen Interesse aneinander ein Übergriff. Das können die Furien nicht stehen lassen.
Wie hältst du die Leere aus?
“Dabei kam die Lust auf, einen Ort zu schaffen, an dem ich sie [die Scham] auch in die Luft jagen kann.”
Ein Interview mit der Autorin Sina Ahlers über alle Formen der Scham, über die Entwicklung der Furien und ein kleiner Aufruf zur Grenzüberschreitung
Laura Kohlmaier: Gab es für dich einen bestimmten Anlass, ein Stück über Scham und Lust zu schreiben?
Sina Ahlers: Ich war fasziniert davon, wie viele unterschiedliche Formen der Scham es gibt: Soziale Scham, Schamangst, Körperscham… Und wie stark dieses Gefühl ein ganzes Leben bestimmen kann. Dann habe ich mir ein Buch des Psychiaters und Psychoanalytikers Léon Wurmser besorgt: Die Maske der Scham. Darin stellt er Personen und deren Schamgefüge vor, die er behandelt hat. Ich wollte danach dringend ein Stück schreiben, in dem alle Formen der Scham vorkommen. Dabei kam die Lust auf, einen Ort zu schaffen, an dem ich sie auch in die Luft jagen kann.
Als Schamparadies fertig geschrieben war, kam gerade Corona rübergeschwappt und die Theater schlossen. Nachdem das Stück erst für den Heidelberger Stückemarkt nominiert war, landete es also in der Schublade. Jahre später kam der Pelicot-Prozess und damit meine Dringlichkeit, das Stück nochmal zu öffnen.
Vera hat Ahnungen aus ihrer Vergangenheit von (Ururur)großmüttern, an ihre abwesende Mutter in der Gegenwart kommt sie nie ganz heran. Welche Rolle spielen diese familiären Verbindungen für ihre Scham?
Vera hat einen unruhigen Körper. Sie spürt, dass da etwas ist, das ihren eigenen Erfahrungen vorausgeht. Nämlich der abwesende Vater und die schlafende Mutter. Unausgesprochene und damit nicht aufgearbeitete Traumata prägen die nächste Generation. Ich glaube, dass es wahnsinnig wichtig ist, konkrete Fragen an die Eltern und Großeltern zu stellen, um die Gewaltspirale zu durchbrechen. Denn aus dem unruhigen Körper heraus, dem beschriebenen Selbst, zieht man Ähnliches wieder an, reproduziert es immer und immer wieder. Natürlich ist es nicht leicht, den eigenen Vater oder die Mutter zu fragen: Welche Gewalt hast du erlebt? Vielleicht schaut man erstmal zusammen ein Theaterstück.
Furien sind in den Erzählungen bedrohliche Gestalten der antiken Mythologie unzurechnungsfähige Wesen, die auf grausamste Weise Vergeltung üben – was war dir bei deinen heutigen Furien ein Anliegen? Hattest du Vorbilder?
In der Orestie von Aischylos machen die rachsüchtigen, blutrünstigen Furien (Erinnyen) eine Verwandlung zu wohlwollenden Schutzgöttinnen (Eumeniden) durch. Am Ende sind sie ein wesentlicher Bestandteil der Grundsteinlegung demokratischer Prozesse (juristische Verfahren).
Vorbilder für die Furien im Stück sind außerdem Freundinnen aus meiner Jugend. Was wir einander angetan haben, geht auf keine Kuhhaut. Mein Vater hat immer mit einem sarkastischen Unterton gesagt: Wenn du solche Freunde hast, brauchst du keine Feinde mehr. Ich denke, dass diese Freundinnenschaften meine Lust wesentlich geprägt haben.
Hast du einen Wunsch, womit Zuschauende nach dem Schamparadies nach Hause gehen?
Primär: „Das hat was mit mir gemacht.“
Vielleicht noch: Weniger Hemmungen, mit Personen über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen. (Wenn jemand dabei die Luft anhält, Pause machen.)
Und vielleicht mit einer Lust auf einvernehmliche Grenzüberschreitungen.
(Außerdem: Einfach mal das Rotweinglas an Weihnachten wegziehen, wenn es gerade befüllt wird. Störungen im System können Gespräche befördern.)
DASS SIE SICH NICHT SCHÄMT!
KEINEN MEINER WÜNSCHE ZU ERFÜLLEN!
DER GEDANKE, DASS EIN MENSCH NICHTS WÜNSCHT ALS EINEN WERTGEGENSTAND!
DABEI WÜNSCH ICH MIR EINE UMWÄLZUNG,
EINEN PERSÖNLICHEN HAARSCHNITT,
ODER DASS WER DIE GRUNDGEFÜHLE MIT MIR AUSWENDIG LERNT!
Schampause.
Wer kommt ins Schamparadies?
In all dem Nachdenken über Scham kam auch immer wieder der Gedanke auf, dass es Verschiebungen bräuchte. Auf der einen Seite Menschen, denen die Scham für ihre Entfaltung im Weg steht, aber auf der anderen Seite auch jene, die gut daran täten, Scham als moralische Instanz wieder in ihr Tun aufzunehmen.
Gisèle Pelicot hat den Diskurs über Scham in Opfer-Täter-Beziehungen in eine neue Richtung gelenkt. Ausschlaggebend dafür war, dass sie das Gerichtsverfahren gegen ihren Ehemann und die 51 Männer (die identifiziert werden konnten), die sie unter Betäubung in ihrem Zuhause vergewaltigt haben, mit der Begründung “Die Scham muss die Seite wechseln” öffentlich gemacht hat. Ein Satz, der bereits 1978 die Anwältin und Frauenrechtlerin Gisèle Halimi zur feministischen Ikone machte, da sie rechtliche Neubewertungen in Vergewaltigungsfällen erwirken könnte. Ein Satz, der deutlich macht, dass nicht die Scham an sich das Problem ist, sondern vielmehr die Frage, wer sich eigentlich schämen sollte.
“Wenn man sieht, wie offen Trump seine Begierde zeigt, Leute zu feuern oder ins Gefängnis zu stecken, lautet meine Formel: Lieber Heuchelei als offene Schamlosigkeit.” So bringt Slavoj Žižek ein Nachdenken darüber, wo die Scham einen wichtigen Platz hätte, in einem Interview mit der ZEIT auf den Punkt. Er sieht einen Vorteil darin, die Heuchelei der schamlosen Tat vorzuziehen, da sie eine Art Filter ist: “Man merkt, dass selbst bei jenen, die etwas Furchtbares tun, ein Minimum an Ethik überlebt hat. Und das macht ihnen moralischen Druck, sie denken sich: Ich darf das nicht ungeniert machen, ich muss es irgendwie ethisch rechtfertigen. Dieses letzte bisschen schlechtes Gewissen bricht gerade weg. Im Zeitalter der Schamlosigkeit Politiker zu sein, heißt, unverblümt und brutal der Macht zu folgen, ohne geheuchelte moralische Ausreden.” Ob das wirklich die fatale Folge der 68er Bewegung ist, wie Žižek im Interview weiter ausführt, ist diskutabel.
Lea Schneider richtet den Fokus in ihrem Essay Scham wieder auf eine etwas andere Perspektive in privatere Sphären. So beschreibt sie Scham als Stillmacher in zweierlei Hinsicht: “Im ersten Moment, wenn sie von außen kommt: als Gefühl zu laut gewesen zu sein. Zu vorschnell. Zu sichtbar. Dich gefährdet zu haben, weil du aus dem Versteck des akzeptierten Verhaltens, aus der Unsichtbarkeit des Normalen herausgestolpert bist. Eine Handlung, die von der Gruppe trennt, die dich allein, angreifbar, roh, unüberlegt, naiv und im Mittelpunkt stehen lässt. Im zweiten Moment, wenn die Scham sich im Körper festgesetzt hat: als Zensor, dessen einzige Aufgabe darin besteht, dich vor jeder weiteren Gefahr zu beschützen. Der weiß, dass nichts sicherer ist, als den Mund zu halten. Momente der Beschämung sind Momente des Verstummens; Momente, in denen die Sprache abbricht. Die Scham gibt vor, dich zu schützen, aber sie schützt vor allem sich selbst: Das Verstummen ist ihr Treibstoff.”
Scham bedeutet oft auch Schweigen und Rückzug. Scham ist eine Kontrollinstanz, die uns hinterfragen lässt. Scham macht die Abhängigkeit von Anderen und Anderem sichtbar, sie deutet in die Richtung unserer Bedürfnisse, diese offenzulegen könnte angreifbar machen. Und doch manifestiert diese spürbare Angewiesenheit eben auch unseren Status als Subjekt, was Lea Schneider zu folgender Schlussfolgerung kommen lässt: “Wir können unsere Scham nicht loswerden, ohne dabei auch unsere Menschlichkeit zu verlieren.”
Lisa Krusche scheint diesen Satz als Aufforderung genommen zu haben. Mit ihrem Projekt Die Anrufung der Riesin gräbt sie in tiefen Ursprüngen der (Körper)scham, legt die Tagebucheinträge von sich als Teenagerin offen, die durch patriarchal-kapitalistische Strukturen in der Gesellschaft ein Ausdruck von grausamer Selbstgeißelung sind.
“Klapperdürr, Künstlerin, Essen stört die Kreativität.
Verlieben und nicht essen.
Kaffe + Wasser = toll
Sport = toll
Süßigkeiten = Bäh
Einfach glücklich sein ohne Essen fällt schwer.
Konzentration.”
Auch mit aller Reflexion viele Jahre später, beschreibt Krusche, wie hart es ist, sich von eingetrichterten Normen zu lösen. “Mein längstes Leben lang habe ich nicht richtig geatmet. War ich damit beschäftigt, den Bauch einzuziehen. Immer noch muss ich üben, mich wieder und wieder dazu anhalten, den Bauch sein zu lassen, in die Weite zu atmen.” Ein Startpunkt für die Anrufung der Riesin, die ein Gegenpol sein soll zu all dem wenig-sein-wollen, so dünn, dass man kaum sichtbar ist, nicht stört, keinen Grund hat, sich zu schämen. Ein Versuch Raum einzunehmen und zwar viel, sichtbar zu sein und schambefreit im Umgang mit der Scham, weil sie dazu gehört, weil sie uns menschlich macht. Und dann doch auch zu begreifen, wie sehr sie Stillmacher und Gefängnis sein kann.
Die Schauspielerin Julia Riedler gibt in einem Interview mit dem Standard einen Impuls für die Bühne: “Wenn ich dahin komme, dass ich mich schäme, weiß ich: es beginnt spannend zu werden. Und eigentlich will ich nichts anderes sehen auf der Bühne. Ich will Mut sehen und Lust. Ohne Scham kommt man da nicht hin, würde ich sagen.”
Scham legt etwas offen und dann liegt es an dem, der sich schämt, wie er damit umgeht. Handlungsunfähig und lethargisch wie die Mutter oder endlich schamlos und Raumeinnehmend wie die Furien. Scham ist immer der Abgleich zum Außen. Ein Desinteresse des Außen kann zur Übertretung von klaren Grenzen kommen, zur Schamlosigkeit der falschen Art, wie bei Matthias. Scham kann ein politisches Machtinstrument sein und sehr intim. Scham kann sich auf das Sein konzentrieren oder auf die Handlung. Scham braucht einen Platz als Kontrollinstanz und dann soll sie auch wieder Platz machen und Entfaltung zulassen. Scham kann sehr angebracht und wahnsinnig unangebracht sein. Scham braucht einen Aushandlungsprozess, eine lustvolle Übertretung und ein ehrfürchtiges Zurücktreten. Eine Suche, bei der wir Vera durch das Schamparadies begleiten.
SCHAMLITERATUR
Manon Garcia: Mit Männern leben.Überlegungen zum Pelicot-Prozess, Suhrkamp 2025.
Slavoj Žižek im Interview mit Louis Pienkowski, 6. Oktober 2025
Slavoj Žižek: "Trump ist ein Faschist, aber ein libertärer Faschist" | DIE ZEIT, letzter Zugriff, 26.11.25.
Lea Schneider: Scham, Verlagshaus Berlin 2021.
Tara-Louise Wittwer: Nemesis Töchter. 3000 Jahre zwischen Female Rage und Zusammenhalt, Knaur* 2025.
Lisa Krusche: Die Anrufung der Riesin, starfruit publications 2024.
Julia Riedler im Interview mit Andrea Roedig, 1. November 2025: "Es muss dich etwas kosten": Schauspielerin Julia Riedler über Scham - Kultur
Ich mag nicht, wenn du dich schämst.
Das wühlt mich immer so auf!
ZUGABE
Ich frage meine Oma nach ihren sexuellen Erfahrungen.
Ich kaufe mir zum ersten Mal Schuhe in der passenden Größe; nicht zu klein.
Ich lasse mir meine asymmetrischen Brüste nach langem Überlegen doch nicht operieren.
Ich lasse meine Haare von Vulva und Po an den Beinen herunter wachsen.
Ich verstehe, dass viel Sex kein Indikator einer gesunden Beziehung ist.
Ich lebe so lange ohne Möbel, bis ich die passenden gefunden habe.
Eine Freundin übernimmt meine Reisekosten, damit ich sie besuchen kommen kann.
Ich schnalle mir einen Strap-on-Dildo um und mache mir so Frühstück.
Ich frage meine Mutter nach ihren sexuellen Erfahrungen.
Ich esse, bis ich satt bin.
Ich wechsele in einen queeren Sportverein ohne Damen- und Herrenmannschaften.
Ich frage meine Oma, ob ihre Mutter queer war.
Ich richte mein Leben nach meinem Hormonhaushalt aus.
Ich gründe einen Stammtisch für weiblich gelesene Personen.
Ich zeige ihn an.
Ich stöhne in vollem Bewusstsein für die Performance.
Ich sage im Bewerbungsgespräch, dass ich Mutter bin.
Ich habe Geheimnisse, die nie jemand lüften wird.
Mit 16 wollte ich mich umbringen.
Mit 35 bin ich froh, dass ich es nicht getan habe.
In einem Theaterstück haben die Figuren Playback gesprochen und ich habe es erst sehr spät gemerkt.
Gestern habe ich Brot in ein Leinentuch gewickelt,
weil es mich an eine Zeit erinnert,
an die ich mich eigentlich nicht erinnern kann.
Die Furien klatschen wie wild.
FURIEN
Zugabe!
Mir stand mal alles offen.
Ich hätt alles werden können.
Hilfsangebote:
faX – Fachberatungsstelle
bei sexualisierter Gewalt Kassel
in Stadt und Landkreis Kassel
Untere Karlsstraße 16
34117 Kassel
Tel: 0561 31749116
info@fax-kassel.de
Hilfe-Telefon
Sexueller Missbrauch
Anrufen – auch im Zweifelsfall
0800 22 55 530
Mo., Mi., Fr.: 9.00 bis 14.00 Uhr, Di, Do: 15.00 bis 20.00 Uhr
Das Hilfe-Telefon berät anonym, kostenfrei, mehrsprachig und in Gebärdensprache.
Nicht besetzt an bundesweiten Feiertagen und am 24. und 31. Dezember.
Wir danken Monika Gerke-Heine für die freundliche Unterstützung und belverde floristik & ambiente für die Premierenblumen.
Fotos: Isabel Machado Rios, 24. und 27. Nov 2025 | Herausgeber: Staatstheater Kassel | Intendant: Florian Lutz | Geschäftsführender Direktor: Stefan Votel | Redaktion: Laura Kohlmaier | Spielzeit 2025/26 | Gestaltung: Grafikabteilung | Website: Stefan Endres | Änderungen vorbehalten