琲肥儋初 | Mono no aware | Das Wissen um das Ende ist bittersüß
MONO NO AWARE beschreibt ein tiefes Bewusstsein für die Vergänglichkeit aller Dinge – nicht als Verlust, sondern als Form von Schönheit. Gerade weil etwas nur kurz existiert, wird es wahrnehmbar, intensiv und kostbar. Der Moment selbst wird zum eigentlichen Ort der Erfahrung.
Im Zentrum des Abends steht der Körper als Ort dieser Vergänglichkeit. Der Tanz zeigt den Körper nicht als Ausdrucksmittel, sondern als existierende Wahrheit: als etwas, das weiß, dass es sich verändert, erschöpft und verschwindet. Jede Bewegung trägt bereits die Ahnung ihres Endes in sich. So wird der Körper zu einem zeitlichen Dokument von Präsenz, Risiko und Verschwinden.
Diese Arbeit interessiert sich für eine stille, nach innen gerichtete Intensität. Emotionen liegen nicht an der Oberfläche, sondern unter ihr – wie Gewicht unter Eis. Der Abend sucht keine laute Wirkung, sondern eine Form von Wahrhaftigkeit, die entsteht, wenn Kontrolle beginnt zu kippen und der Körper wieder ungeschützt wird.
Daraus entwickelt sich eine Ästhetik der bewussten Unvollständigkeit: Bewegungen brechen ab, Szenen bleiben offen, Bedeutungen werden nicht abgeschlossen. Gerade im Fragmentarischen entsteht Nähe.
Der Tanz entsteht im Zwischenraum von Begegnung und Abschied, Präsenz und Verschwinden. Er existiert nur im Moment seines Vollzugs – und bleibt danach als Spur im Körper der Zuschauenden zurück.
MONO NO AWARE ist damit kein Werk über Vergänglichkeit, sondern eine Erfahrung von Gegenwart selbst: ein Aufmerksamwerden auf das, was gerade geschieht – und im selben Augenblick bereits verschwindet.
挹橏鼛
朏菾肥 恞肥罔玩狎 臝肥擨羋
„Im sanften Licht
dieses friedlichen Frühlingstags —
warum fallen die Kirschblüten so unruhig?“
芝糾糾狙疚 棪狎秈虱菾邵 羌狀芹初肱
矽社膧晱肥 篘知残初虱
„Als ich zu dem Ort blickte,
von wo der Kuckuck gerufen hatte,
blieb nur noch der Mond des Morgengrauens.“
‘灗弭雛
帰虱芬 頇初穹肢
繸虱芬繸芷者芬 炎’蠲肥関
„Hier an der Grenze des Treffens
gehen und kommen die Menschen, trennen und begegnen sich —
Fremde wie Bekannte kreuzen ihre Wege.“
Ki no Tomonori. “Hisakata no hikari nodokeki haru no hi ni / shizugokoro naku hana no chiruramu.” In Ogura Hyakunin Isshu
(Im Stück wird dieser Text von Keiko Okawa auf Japanisch gesprochen)
„Der Körper (...) speichert Erfahrung, Erinnerung, Erschöpfung und Vergänglichkeit. Jede Bewegung trägt bereits die Ahnung ihres Verschwindens in sich.“
Interview von Thorsten Teubl mit der Choreografin Maura Morales
Mono no aware beschreibt ein tiefes Bewusstsein für die Vergänglichkeit aller Dinge. Was hat dich an dieser philosophischen Idee persönlich berührt oder herausgefordert?
Was mich an diesem Thema persönlich am tiefsten bewegt, ist das Entstehen eines Werkes — das alltägliche Leben eines Tänzers, der in einer flüchtigen Kunstform überlebt. Obwohl er um ihre Vergänglichkeit weiß, klammert er sich mit einer beinahe trotzigen Hartnäckigkeit an das, was ihn paradoxerweise Ewigkeit empfinden lässt: den Tanz.
Es ist die flüchtige Begegnung zwischen Choreograf und Tänzern — ein intensives, zielgerichtetes Zusammentreffen, das von Anfang an dem Abschied geweiht ist. Gerade in dieser zeitlichen Begrenzung entsteht eine besondere Form von Nähe, Konzentration und Wahrhaftigkeit. Die eigentliche Herausforderung bestand darin, innerhalb dieser kurzen Schaffensphase Authentizität und Ehrlichkeit gegenüber dem Thema zu finden; mitten in der Hast des Prozesses jene innere Stille zu erreichen, in der das Mono no aware wohnt: das achtsame Innehalten vor der Vergänglichkeit aller Dinge — ein Blick, der nicht beklagt, sondern still, aufmerksam und voller Mitgefühl betrachtet.
Deine Arbeiten kreisen oft um Fragilität, Körperlichkeit und emotionale Intensität. Welche besondere Form hat dieses Thema in Mono no aware angenommen?
„Fragilität“ wird hier nicht dargestellt, sondern bewohnt. Die zentrale Frage lautet: Wie ist es, in der Zerbrechlichkeit zu existieren?
Der Körper ist dabei kein bloßes Ausdrucksmittel — er ist das eigentliche Thema selbst. Ein Körper, der tanzt, trägt immer das Wissen in sich, dass er eines Tages aufhören wird zu tanzen. Gerade in dieser Spannung liegt seine besondere Wahrheit: zwischen dem, was der Körper im gegenwärtigen Moment noch vermag, und dem, was er irgendwann nicht mehr können wird.
Der Körper wird dadurch zu einem zeitlichen Dokument. Er speichert Erfahrung, Erinnerung, Erschöpfung und Vergänglichkeit. Jede Bewegung trägt bereits die Ahnung ihres Verschwindens in sich. Tanz erscheint dadurch nicht nur als Ausdruck von Leben, sondern zugleich als stilles Bewusstsein seiner Endlichkeit.
Die größte Herausforderung für mich liegt in der emotionalen Intensität: Wie kann etwas zutiefst intensiv sein, ohne laut zu werden? Wie kann eine Arbeit berühren, ohne sich emotional aufzudrängen? Die Emotion liegt unter der Oberfläche wie Wasser unter Eis — man sieht sie nicht unmittelbar, aber man spürt ihr Gewicht. Für eine künstlerische Arbeit, die mit emotionaler Intensität umgeht, bedeutet das nicht, Gefühle abzuschwächen, sondern sie nach innen zu führen, statt sie nach außen auszustellen.
Daraus entsteht eine besondere ästhetische Form: eine Ästhetik der bewussten Unvollständigkeit. Szenen enden nicht wirklich — sie brechen ab, lösen sich auf oder verharren im Offenen. Körper beginnen Bewegungen, ohne sie vollständig abzuschließen. Emotionen zeigen sich, ohne sich erklären zu müssen. Gerade in diesem Fragmentarischen, im Nicht-Ausgesprochenen und Vergänglichen, entsteht eine eigene Form von Wahrhaftigkeit und Nähe.
Wie würdest du den Tanzabend Mono no aware jemandem erklären, der noch nie zeitgenössischen Tanz gesehen hat?
Stell dir vor, Menschen begegnen sich nur für eine kurze Zeit — verbunden durch ein gemeinsames Ziel, einen gemeinsamen Rhythmus, einen gemeinsamen Atem. Sie sprechen nicht mit Worten, sondern mit ihren Körpern. Was du siehst, ist wie ein Gespräch, das du zunächst fühlst, lange bevor du es verstehst.
Der Tanz entsteht genau in diesem flüchtigen Zwischenraum: zwischen Nähe und Distanz, Begegnung und Abschied, Präsenz und Verschwinden. Und sobald der Moment vorbei ist, existiert er nur noch in der Erinnerung derjenigen, die ihn erlebt haben — nirgendwo sonst. Gerade darin liegt seine Schönheit und seine Tragik zugleich.
Es ist ein wenig wie ein intensiver Abend mit einem Menschen, dem man vielleicht nie wieder begegnen wird: ehrlich, gegenwärtig und gerade deshalb unvergesslich. Nicht weil etwas festgehalten wurde, sondern weil es sich dem Festhalten entzieht.
Diese Arbeit verlangt kein Vorwissen und keine Erklärung. Sie möchte nicht entschlüsselt, sondern erlebt werden.
„Komm einfach. Du musst nichts verstehen. Du musst nur da sein.“
Beschreibe das Stück in nur drei Sätzen.
Ich beschreibe es manchmal wie ein Haiku:
Der Tanz endet bald,
dennoch tanzen sie weiter —
Ewigkeit im Moment.
Vielleicht liegt genau darin das Wesen des Tanzes: im Bewusstsein seines Verschwindens. Die Tänzer wissen, dass jede Bewegung im selben Augenblick vergeht, in dem sie entsteht. Und dennoch tanzen sie weiter. Nicht trotz der Vergänglichkeit, sondern gerade wegen ihr.
Der Moment erhält seine Intensität nicht durch Dauer, sondern durch seine Zerbrechlichkeit. Was nicht festgehalten werden kann, wird oft tiefer empfunden. Tanz wird dadurch zu einer Kunst des gegenwärtigen Augenblicks — eine stille Form des Widerstands gegen das Verschwinden. Wie ein Haiku versucht auch der Tanz nicht, die Welt vollständig zu erklären. Er deutet an, verdichtet, lässt Raum. In wenigen Bewegungen entsteht etwas, das größer ist als das Sichtbare: eine Empfindung, die bleibt, obwohl der Augenblick längst vergangen ist.
Glaubst du überhaupt, dass man Tanz „erklären“ sollte? Oder beginnt etwas Wesentliches gerade dort, wo Sprache aufhört? Oder ganz wo anders? Wie schaut man Tanz?
Erklärt man Tanz?
Nein. Und ja. Aber nicht auf dieselbe Weise.
Wenn man Tanz zu sehr erklärt — durch Technik, Absicht oder Konzept — rettet man das Publikum oft vor der eigentlichen Erfahrung. Man gibt einen Rahmen vor, noch bevor jemand fallen kann. Doch genau in diesem Fallen, in diesem Moment des Nicht-Wissens und der Offenheit, lebt der Tanz.
Ein gewisser Kontext kann hilfreich und willkommen sein. Aber Kontext ist nicht dasselbe wie Erklärung. Erklärung versucht zu ordnen; Erfahrung dagegen verlangt Präsenz.
Pina Bausch sagte einmal, sie interessiere nicht, wie Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt. In diesem Unterschied liegt alles. Denn Tanz entsteht nicht allein aus Bewegung, sondern aus innerer Notwendigkeit, aus Erinnerung, Sehnsucht, Angst, Nähe oder Verlust. Was sichtbar wird, ist nur die Oberfläche von etwas Tieferem.
Sprache kann beschreiben, was geschieht. Sie kann jedoch nicht vollständig übertragen, wie es sich anfühlt, dabei zu sein. Tanz lebt genau in diesem Zwischenraum — nicht bloß im Bewegungsablauf, sondern in jenem Augenblick, in dem ein Körper etwas riskiert und ein anderer Körper, der des Zuschauers, dies spürt.
Wie schaut man also Tanz?
Vielleicht zunächst, indem man aufhört, ihn sofort verstehen zu wollen. Nicht analysieren, während es geschieht. Der analytische Blick kann zu einem Schutzschild werden; er hält die Erfahrung auf Distanz. Analysieren kann man später. Während des Tanzes jedoch kostet ein zu frühes Verstehen-Wollen oft genau das, worum es eigentlich geht: die unmittelbare Erfahrung.
Tanz verlangt die Bereitschaft, etwas nicht vollständig zu begreifen. Er lädt dazu ein, Unsicherheit auszuhalten, Bedeutungen nicht festzulegen und dem eigenen Empfinden zu vertrauen. Manche Dinge erschließen sich nicht durch Denken, sondern durch Anwesenheit.
Wenn ein kleines Kind dich fragen würde: „Worum geht es in Mono no aware?“ — was würdest du antworten?
Kennst du das Gefühl, wenn du eine Seifenblase betrachtest?
Sie schwebt leicht durch die Luft — schillernd, fragil, ständig in Bewegung. Während du sie ansiehst, weißt du bereits, dass sie gleich verschwinden wird. Vielleicht läufst du ihr sogar hinterher, weil du diesen einen schönen Moment festhalten möchtest. Aber noch bevor du sie berühren kannst, löst sie sich einfach in der Luft auf.
Und genau darin liegt etwas Merkwürdiges: Es schmerzt ein wenig — und ist zugleich wunderschön.
Dieses stille Bewusstsein für die Vergänglichkeit der Dinge, für ihre Zerbrechlichkeit und gerade dadurch für ihre Schönheit, ist das, was man Mono no aware nennt. Nicht Traurigkeit allein, sondern eine zarte, wache Empfindsamkeit gegenüber allem, was nur für einen Augenblick existiert.
In deinen Arbeiten wirken Körper oft gleichzeitig stark und verletzlich. Warum interessiert dich gerade dieser Moment, in dem Kontrolle beginnt zu kippen?
Kontrolle ist eine Art stillschweigende Vereinbarung. Der Körper sagt: Ich halte. Ich trage. Ich weiß, was ich tue. Solange diese Vereinbarung besteht, bleibt der Körper lesbar — technisch präzise, beherrschbar, sicher.
Doch in dem Moment, in dem die Kontrolle zu kippen beginnt — nicht im eigentlichen Fallen, sondern bereits im ersten unsicheren Schwanken — geschieht etwas Seltenes: Der Körper wird wieder ehrlich.
Nicht die trainierte Ehrlichkeit. Nicht jene bewusst inszenierte Verletzlichkeit, die manche Choreografien wie ein ästhetisches Mittel einsetzen. Sondern eine Ehrlichkeit, die nicht mehr gewählt oder kontrolliert ist. Etwas, das einfach geschieht.
Plötzlich zeigt der Körper nicht mehr nur Können, sondern Risiko. Nicht mehr nur Form, sondern Zustand. Man sieht keinen perfekten Ablauf mehr, sondern einen Menschen im Übergang zwischen Kontrolle und Kontrollverlust.
Und das Publikum spürt diesen Unterschied sofort — nicht zuerst im Kopf, sondern im eigenen Körper. Weil der Zuschauer auf etwas reagiert, das sich nicht vollständig darstellen oder imitieren lässt: auf den Augenblick echter Unsicherheit, echter Präsenz. Genau dort beginnt oft die tiefste Form von Nähe.
Der Begriff Mono no aware stammt aus der japanischen Ästhetik. Welche Rolle spielen für dich japanische Vorstellungen von Schönheit, Vergänglichkeit und Stille in diesem Abend?
Mono no aware — die Japaner haben dafür ein eigenes Wort geschaffen, weil sie empfanden, dass dieses Gefühl so wesentlich ist, dass es einen eigenen Namen verdient. Gemeint ist jene stille Empfindsamkeit gegenüber der Vergänglichkeit aller Dinge: die Schönheit eines Moments gerade deshalb wahrzunehmen, weil man weiß, dass er vergeht.
Dabei handelt es sich nicht nur um ein einzelnes Konzept, sondern um eine ganze Haltung zur Welt — und auch zu meiner Arbeit. Es ist eine Form des Sehens und Empfindens. Aus dieser Haltung heraus haben wir einen Abend geschaffen, der versucht, Schönheit, Vergänglichkeit und Stille erfahrbar zu machen, anstatt sie lediglich zu illustrieren.
Doch japanische Ästhetik in einen westlichen Kontext zu übertragen, birgt immer ein Risiko: die Gefahr der Exotisierung. Das Fremde wird dann leicht zu einer Projektionsfläche für etwas, das man selbst nicht benennen kann. Gerade deshalb besteht die eigentliche Herausforderung nicht darin, Japan zu zitieren oder ästhetische Zeichen zu übernehmen.
Die stärkste und ehrlichste Form der Annäherung wäre vielmehr, diese Denkweise so tief zu verinnerlichen, dass sie unsichtbar wird. Dass der Abend atmet, wie Mono no aware atmet, ohne den Begriff ständig auszusprechen oder erklären zu müssen. Das Publikum soll nicht ein Konzept erkennen, sondern etwas erleben: Schönheit im Vergehen, Nähe im Flüchtigen, Stille als Form von Intensität. Das Konzept bleibt dabei die Wurzel — sichtbar werden soll jedoch nicht die Theorie, sondern die Erfahrung selbst.
Gibt es ein Bild, einen Klang oder einen Moment im Stück, der für dich den Kern des Abends besonders stark zusammenfasst?
Die Musik — die Komposition in ihrer Gesamtheit — führt uns still und unaufhaltsam an Orte, die sich dem Verstand entziehen: Orte, die man nicht benennen, sondern nur durchleben kann. Die Tänzer übersetzen alles Erlebte in ihren Körpern — nicht als Erinnerung, sondern als lebendige Gegenwart, als Fleisch, Atem und Gewicht.
Viele Menschen erleben unsere Gegenwart als unsicher, fragil und überfordernd. Ist Mono no aware für dich auch eine Reaktion auf unsere Zeit?
Unsere Gegenwart ist nicht auf dieselbe Weise fragil wie eine Kirschblüte fragil ist. Die Kirschblüte fällt, weil das ihr Wesen ist. Wir hingegen erleben Unsicherheit, weil Systeme versagen, weil Vertrauen erodiert und weil Zukunft unleserlich geworden ist. Das ist kein natürlicher Kreislauf, sondern etwas, das Menschen geschaffen haben — und das Menschen auch verändern könnten.
Mono no aware ist keine politische Ästhetik. Es akzeptiert Vergänglichkeit; es kämpft nicht dagegen an. Die Frage ist daher: Ist diese Form der Akzeptanz in unserer Zeit noch ausreichend?
Unsere Gegenwart leidet nicht nur an Unsicherheit, sondern auch an Aufmerksamkeitslosigkeit. Alles wird sofort ersetzt, überlagert, vergessen. Das Neue erscheint, bevor das Alte überhaupt wirklich ankommen konnte.
Mono no aware lehrt dagegen etwas Radikales: Hinschauen. Wirklich hinschauen. Lange genug, um zu spüren, dass etwas vergeht. In einer Zeit permanenter Beschleunigung ist das beinahe ein Akt des Widerstands — nicht, weil es die Welt unmittelbar verändert, sondern weil es dem Menschen etwas zurückgibt, das ihm entzogen wird: den gegenwärtigen Moment als bewohnbaren Ort.
Wenn das Publikum eine Stunde lang sitzt und Körper in Bewegung beobachtet — in ihrer Stärke und in ihrer Vergänglichkeit — dann ist das keine Flucht aus der Gegenwart. Es ist eine Einladung zurück in sie.
Schau hin. Jetzt. Dieser Moment existiert.
Das ist vielleicht das Politischste, was Theater heute tun kann — ohne ein einziges politisches Wort auszusprechen.
Wenn du Mono no aware nicht als Tanzstück, sondern als Zustand beschreiben müsstest: Was bleibt am Ende? Ein Gefühl? Eine Erinnerung? Eine Leerstelle?
Ich glaube, was bleibt, ist etwas, das keine dieser drei Kategorien vollständig erfasst — weil Gefühl, Erinnerung und Leerstelle alle noch zu sehr als Objekte gedacht sind: als Dinge, die man haben oder nicht haben kann.
Das genaueste Wort, das ich dafür finde, ist: ein Abdruck. Irgendwo im Raum, in den Körpern der Zuschauer, im Holz des Bodens, in der Luft — bleibt noch die Spur des Aufwärts.
Biografie Maura Morales
Maura Morales absolvierte ihre Ausbildung in klassischem Ballett, Modern Dance, Choreographie, Schauspiel und Folklore an der Staatlichen Kunsthochschule Camagüey, Kuba. Sie war Solistin an verschiedenen Staatstheatern in Kuba, Deutschland und in der Schweiz und ist seit 2008 freischaffende Tänzerin und Choreographin.
Sie erhielt u.a. 2013 den renommierten Kurt-Jooss-Preis und den Jurypreis bei der internationalen Tanzmesse in Huesca. 2014 wurde sie mit dem Förderpreis für Darstellende Kunst Düsseldorf ausgezeichnet. 2015 erhielt sie den DURI-Preis beim Tanzfestival ACT in Bilbao.
Seit 2010 leitet sie ihre eigene Tanzkompanie, die Cooperativa Maura Morales, für die sie regelmäßig choreographiert und mit der sie regelmäßig weltweit tourt. Sie ist außerdem eine gefragte Gastchoreographin und hat u.a. für die Ensembles von „Ballett Theater Trier“, „TanzTheater Münster“, „Stadttheater Gießen“, „Ballett Vorpommern“, „MIR Dance Company“ Gelsenkirchen, „Ballett Magdeburg“, „Ballett der Oper Graz“, „Provincial Dances Theatre“ (Russland), „ITZ-Intranzyt Cia Company“ (Portugal), für „MuDa Africa“ (Tansania) etc. abendfüllende Auftragsarbeiten entwickelt.
2023 inszeniert sie ihre erste Oper „Maria de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla für das Theater Vorpommern. Maura ist außerdem eine gefragte Gastdozentin an Tanzuniversitäten und hat u.a. am DAFDance Arts Faculty in Rom, am Instituto del Teatro de Barcelona in Barcelona, bei Descalzinha Danza in Madrid, b12-Festival in Berlin unterrichtet und choreographiert.
Ihre international anerkannte Expertise im zeitgenössischen Tanz findet außerdem Ausdruck in zahlreichen Berufungen als Jurymitglied bei internationalen Wettbewerben und Förderinstitutionen: Neben ihrer Mitgliedschaft im Beirat Tanz und Theater der Landeshauptstadt Düsseldorf seit 2020, war sie u.a. Jurymitglied des renommierten „MASDANZA“-Wettbewerb 2024 in Spanien, beim I“nternationales Solo Tanz Theater Festival Stuttgart“ 2025 und sie ist seit 2023 Mitglied der Vorjury des „International Choreographic Competition Hannover“.
15 x 10 Meter
Das habe ich am ersten Tag gemessen, und das ist jetzt zehn Jahre her.
Das Leiden und die Anmut wohnen zusammen in diesem Raum, in stiller Eintracht.
Es gibt eine Markierung auf dem Boden —
hier, genau hier muss ich stehen, damit das Licht mich erreicht
und mich sichtbar macht, fast ewig für ein paar Sekunden.
Hier glaubt man uns, hier bewegen wir, hier werden wir bewundert —
Sekunden, für die wir Jahre geben,
und dann gehen wir nach Hause, leer und allein.
Die Leute fragen, wie es sich anfühlt,
wenn der Körper nicht mehr kann.
Als wäre es ein Moment.
Als würde man eines Morgens aufwachen
und der Körper würde sagen: bis hierher.
So ist es nicht.
Es ist ein schleichender Prozess.
Und an einem Tag —
du weißt nicht, welcher es war —
fängst du an zu fragen: Was mache ich jetzt?
Diesen Arm habe ich vielleicht eine Million Mal gehoben.
In Räumen wie diesem.
Auf Bühnen im Rampenlicht
In Hotelzimmern, allein probend,
um zwei Uhr morgens.
Eine Million Mal —
und kein einziges Mal wurde es irgendwo festgehlten.
Das ist das Seltsame daran.
Dass es verschwindet.
Dass ich immer wusste, dass es verschwinden würde,
und ich es trotzdem tue.
Wir tun es trotzdem.
In diesen 15 x 10 Meter
Weil wir aus demselben Stoff gemacht sind wie die Träume.
(Text von Maura Morales, im Stück auf Englisch gesprochen von James Potter)
„Für mich ist Stille immer Klang!“
Interview von Thorsten Teubl mit dem Sounddesigner und Komponisten Michio Woirgardt
Du arbeitest an der Schnittstelle von Komposition, Sounddesign und Theater. Wie würdest du selbst deine künstlerische Identität beschreiben – eher als Komponist, Sounddesigner oder etwas Drittes?
Ich würde mich sowohl als Komponisten, als auch als Sounddesigner bezeichnen und das Betätigungsfeld noch um den Begriff des „Music Producer“ erweitern, da ich meine Sachen ja nicht nur selbst komponiere und shape, sondern auch selbst einspiele, aufnehme, sowie das Mixing und Mastering selbst übernehme.
Was ist für dich der eigentliche Unterschied zwischen Komposition und Sounddesign?
Für mich bedeutet Sounddesign zum einen das Transportieren eines Klanges oder Geräusches aus seinem gewohnten- in einen neuen, ungewohnten Kontext. Zum anderen bedeutet es, selbigen Klang bzw. Geräusch durch Shaping, Transformation, Dekonstruktion etc. stimmig in die Komposition einzubetten und seine Verwendung zur rechtfertigen. Der Begriff „Sounddesign“ beschreibt für mich also eher ein Werkzeug oder einen Transformationsprozess, während die Komposition das komplette Klangerlebnis ist, welches man am Ende als Bühnenmusik hört.
Warum komponierst du? Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde, dass Klang dein Medium ist?
Ich habe sehr früh gemerkt, dass ich durch den kreativen Prozess des Komponierens meinem Seelenleben eine Art Ventil verschaffen konnte, um besser mit der Unwiederbringlichkeit des Begriffes „Zeit“ klarzukommen.
Wie war dein Weg zur Musik? Warst du ein „Wunderkind“, oder ist deine Arbeit eher das Ergebnis von Disziplin, Experiment und harter Arbeit?
Ich war ganz sicher kein „Wunderkind“. Ich hatte und habe einfach immer nur sehr viele musikalische Ideen und besitze die Disziplin, diese umzusetzen.
Welche Rolle spielte das Hören in deiner Kindheit? Gibt es frühe Klangerinnerungen, die dich bis heute prägen?
Bereits vor meiner Kindergartenzeit bis weit in meine Grundschulzeit hinein hat mir mein Großvater jeden Samstag eine neue Schallplatte mitgebracht, welche ich dann die ganze Restwoche über hoch- und runter gehört habe, bis ich fast alles auswendig konnte! Dieses exzessive Hören in früher Kindheit hat mich sehr geprägt.
Du bist halbjapanischer Herkunft. Inwiefern beeinflusst das deine Wahrnehmung von Klang, Zeit, Stille oder Ästhetik?
In meinem „früheren Leben“ als konzertierender Gitarrist, hatte ich viele Konzertreisen nach Japan. Während dieser Zeit ist mir aufgefallen, dass das japanische Publikum in meinen Konzerten auf bestimmte Klänge, Harmonien und Melodien meiner Stücke komplett anders reagierte bzw. diese anders empfand als das Europäische. Dies hat mich in der Annahme bestärkt, dass sowohl, das vertikale- als auch das Horizontale Hörempfinden von Japanern sich von dem der Europäer unterscheidet, ich jedoch beide Arten zu verstehen glaube und nachvollziehen kann!
Der Titel Mono no aware verweist auf ein zentrales japanisches ästhetisches Konzept: die melancholische Schönheit der Vergänglichkeit. Was bedeutet dieser Begriff für dich persönlich?
Mono no aware ist bei mir omnipräsent.
Gibt es in deiner Musik etwas, das du als „japanisch“ bezeichnen würdest – oder wehrst du dich gegen solche kulturellen Zuschreibungen?
Ganz sicher die Melancholie!
Wo liegt deine Identität – geografisch, kulturell, geistig? Hast du unterschiedliche Identitäten als Künstler und als Mensch?
Ich denke grundsätzlich nicht in Identitätskategorien, weder für mich selbst noch für mein Gegenüber
Was ist deine geistige oder intellektuelle Heimat? Gibt es literarische, philosophische oder musikalische Denktraditionen, in denen du dich besonders wiederfindest?
Wenn man als „Mischling“ wie ich mit zwei extrem verschiedene Denktraditionen aufwächst, nämlich mit der fernöstlichen, japanischen, und der westeuropäisch-deutschen, dann ist man quasi sein ganzes Leben damit beschäftigt eine Balance zu finden, des Erbes, bzw. der Verantwortung, beide Kulturen in sich zu tragen, gerecht zu werden. Von daher sehe ich mich ehr als „Brücke“, als „Kakehashi“ zwischen diesen beiden kulturellen Welten.
Wenn du vollkommen frei wählen könntest: An welchem Ort der Welt würdest du leben und arbeiten – und warum?
Ich habe das große Glück, den perfekten Ort zum Leben und Arbeiten schon gefunden zu haben: Er ist an der Seite meiner Frau! (Anm. d. Red.: Maura Morales ist Michio Woirgardts Ehefrau)
Wie ist der Sound von Mono no aware entstanden? Gab es am Anfang ein bestimmtes Klangbild, ein Instrument, eine Atmosphäre oder eher eine abstrakte Idee?
Ich bin zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen, kenne jedoch auf Grund meiner japanischen Mutter ausschließlich japanische Kinder- und Schlaflieder.
Viele traditionelle japanische Wiegenlieder stammen aus dem ländlichen Japan und wurden nicht von Müttern, sondern von sehr jungen Mädchen gesungen, die als Kindermädchen (Komori) arbeiteten. Diese Lieder spiegeln die Einsamkeit, Heimweh und das harte Leben dieser jungen Mädchen wider. Diese einfachen, melancholischen Melodien und Liedfetzen haben sich tief in mein musikalisches Gedächtnis gegraben und oszillieren seit meiner frühesten Kindheit in meinem musikalischen Unterbewusstsein. Bei vielen musikalischen Motiven weiß ich gar nicht mehr von welchem Lied sie eigentlich stammen, nur, dass sie mit der Stimme meiner Mutter assoziiere und verorte. Für mich stand von Anfang an fest, dass ich für „Mono no Aware“ diese Schublade meines musikalischen Unterbewusstseins öffnen wollte.
Welche Rolle spielen die Tänzer:innen in deinem kompositorischen Prozess? Reagierst du auf Bewegung – oder erzeugt der Klang zuerst die Bewegung?
Wenn ich für Maura Morales komponiere, bin ich ab Tag 1 mit meinen Instrumenten in den Proben anwesend! So kann ich unmittelbar sehen und spüren, mit welchem Klang, Sound oder Rhythmus ich die momentane choreographische Situation unterstützen kann. Außerdem kann ich musikalische Vorschläge machen und an Hand der unmittelbaren Reaktionen sofort erkennen, ob es passt oder nicht. Maura und ich werfen uns also gegenseitig die Bälle zu: Manchmal prescht sie mit einer choreographischen Idee vor und ich versuche, quasi „on the fly“, ein musikalisches Fragment zu kreieren, welche ihre Idee aufgreift und widerspiegelt. Manchmal initiiere ich auch eine choreographische Idee, in dem ich eine Klangidee in Raum stelle, welche Maura zu neuen Bewegungssequenzen inspiriert! So erreichen wir diese enge Verzahnung zwischen Choreographie und Musik, welche eines der Trademarks der Cooperativa Maura Morales ist!
Arbeitest du für Tanz anders als für Konzertmusik oder Film? Wie verändert der Körper im Raum deine musikalische Sprache?
Ich denke, dass das Komponieren für Tanz und Film viele Gemeinsamkeiten hat, da ich bei beiden die Rolle der Musik als eine unterstützende empfinde! Es geht in erster Linie darum, die Vision des Regisseurs, bzw. des Choreographen zu verstehen, zu unterstützen und zum Scheinen zu bringen! Im besten Falle entsteht ein Miteinander, wobei ich die Musik als ehr als das erdende Element empfinde, ähnlich dem Gemälde „Der Spaziergang“ von Chagall. Bei reiner Konzertmusik ist die Musik der Protagonist, braucht sich nicht unterzuordnen und dient ihrem Selbstzweck!
Welche Bedeutung hat Stille in deiner Musik? Ist Stille für dich Abwesenheit – oder bereits Klang?
Für mich ist Stille immer Klang! Denn genau wie ein einzelnes Haus in einer sonst unbewohnten, weiten Ebene das Gefühl der Einsamkeit beim Betrachter noch verstärkt, lösen einzelne Klänge oder Geräusche in mir eher ein Hörerlebnis absoluter Stille aus als vollkommene Stille an sich!
Wer sind deine musikalischen Bezugspunkte? Gibt es einen Lieblingskomponisten oder Künstler, zu dem du immer wieder zurückkehrst?
Mein Tag beginnt und endet mit J.S. Bach. Er bedeute für mich Alpha und Omega.
Welche Musik würdest du Menschen empfehlen: für glückliche Tage, für traurige Tage, für schlaflose Nächte und welche Musik sollte zur Ausrufung des Weltfriedens erklingen?
Für glückliche Tage: J.S. Bach.
Für traurige Tage: J.S. Bach.
Für schlaflose Nächte: J.S. Bach.
Zur Ausrufung des Weltfriedens: An diesem Tag sollten wir alle für einen Moment schweigen, dem Nachhall dieser Worte lauschen und uns selbst ein Versprechen geben, in vollkommener Stille!
Was hoffst du, dass das Publikum nach Mono no aware mit nach Hause nimmt – einen Gedanken, ein Gefühl, eine Irritation oder vielleicht einfach nur einen Klang?
Im besten Fall ein „Davor“ und ein „Danach“!
Biografie Michio Woirgardt
Michio Woirgardt ist zurzeit einer der gefragtesten Komponisten für Ballett und zeitgenössischen Tanz. Er studierte an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und an der Hochschule für Musik (HfM) Saar.
Sein kompositorischer Ansatz besteht im Verschmelzen von gegensätzlichen musikalischen Parametern. Sein Stil spricht Choreograph*innen der Ballettensembles von Staatstheatern genauso an wie zeitgenössische Ensembles der freien Szene.
Er komponierte für die staatlichen/städtischen Häuser: Ballett der Oper Graz, Ballett des Darmstädter Staatstheaters, Ballett des Saarländischen Staatstheaters, Ballett des Landestheater Linz, Ballett des Theater Hagen, Theater für Niedersachsen, Tanzcompany des Theater Osnabrück, TanzTheater Münster, Tanzcompagnie des Stadttheater Gießen, MIR Dance Company des Musiktheaters im Revier/Gelsenkirchen, Tanzcompagnie Landesbühnen Sachsen, Ballett Vorpommern, Ballett Magdeburg sowie für die freien Kompanien und Choreograph*innen: DDC , Cooperativa Maura Morales, Landerer & Company, Minako Seki und Yumiko Yoshioka/, Company Idem, Sebastian Weber Company, Felix Bürkle, Leonor Leal/Sevilla.
Dramaturgische Gedankensplitter von Thorsten Teubl zu Mono No Aware
MONO NO AWARE bezeichnet ein japanisches ästhetisches Konzept, das sich nur schwer übersetzen lässt, geschweige denn abschießend deuten lässt. Es meint eine „Empfindsamkeit gegenüber den Dingen“ – das leise, oft melancholische Bewusstsein, dass alles Existierende vergänglich ist. In dieser Wahrnehmung wird nicht nur Verlust beschrieben. Sie enthält zugleich eine besondere Form von Schönheit: die Schönheit des Vorübergehenden, die Erotik des Augenblicks, des Zerbrechlichen und des Unwiederbringlichen. Gerade weil etwas vergeht, berührt es uns. Die Kirschblüte wird nicht trotz ihrer Kürze gefeiert, sondern wegen des Moments des Verblühens – ein Augenblick der absoluten Schönheit. Mono no aware ist damit keine Theorie, sondern eine Haltung zur radikale Aufmerksamkeit für den Moment. In der japanischen Ästhetik und Mythologie ist Mono No Aware eng mit den Jahreszeiten verbunden — mit fallenden Kirschblüten, Nebel, Regen, verwelkenden Blumen oder dem Moment kurz vor dem Verschwinden des Lichts, im Angesicht der Angst vor Dunkelheit. Schönheit entsteht hier aus Endlichkeit. Eine intime Form von eigensinniger Poesie.
Philosophisch steht diese Idee in Verbindung mit der buddhistischen Vorstellungen von Mujo — der Unbeständigkeit aller Dinge. Nichts besitzt einen festen Zustand; alles verändert sich, zerfällt, verschwindet – eine ewige Metamorphose. Das betrifft nicht nur Natur oder Zeit, sondern auch Beziehungen, Erinnerungen und Identitäten. Menschen begegnen einander oft in dem Glauben an ewige Dauer, während Begegnungen, das Zusammensein in Wahrheit hochfragil ist. Liebe, Freundschaft oder familiäre Bindungen tragen immer schon die Möglichkeit ihres Verlustes in sich: durch Entfernung, Missverständnisse, Krankheit, Verrat oder Tod. Durch das Wissen um diese Zerbrechlichkeit und Gefährdung, werden Beziehungen intensiv und wertvoll(er).
Auch westliche philosophische Strömungen berühren ähnliche Gedanken. Der Existentialismus, bei bspw. Heidegger, Sartre oder Camus, beschreibt den Menschen als ein Wesen, das sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst ist. Heideggers Begriff des „Seins zum Tode“ meint nicht bloß die Tatsache des Sterbens, sondern dass unser gesamtes Leben von dieser Möglichkeit durchzogen ist. Jede Entscheidung, jede Begegnung, jeder Augenblick erhält Gewicht, weil er nicht unendlich wiederholbar ist.
Unsere Gegenwart zeigt deutlich auf, wie prekär unser Dasein in jedem Moment ist. Kriege, ökologische Krisen, Pandemien, politische Instabilität oder technologische Kontrollsysteme machen deutlich, wie dünn die Oberfläche der Sicherheit ist, auf der moderne Gesellschaften sich bewegen. Unter alltäglichen Routinen sind in Wirklichkeit offene Systeme. Das Leben erscheint stabil, bis es plötzlich kippt. Ein Anruf, eine Diagnose, ein Unfall, eine Nachricht können unser Sein, unsere Biografien augenblicklich verändern. Jetzt könnten man meinen, der Mensch muss in sofortige Resignation verfallen. Mono No Aware meint das Gegenteil.
Es fordert in der Engführung von Eros und Thanatos die radikale Aufmerksamkeit für den Moment. Wenn alles vergänglich ist, wird im Umkehrschluss, die Gegenwart kostbar(er). Der flüchtige Blick eines Menschen, das Geräusch eines Raumes, der sinnliche Geruch, besitzen dann eine existentielle Intensität. Wir dürfen die Fragilität des Lebens, die Sterblichkeit des Menschen, die Existenz des Todes im Leben nicht verdrängen, sondern als Bedingung von Schönheit und Leben verstehen. Darin liegt vielleicht das Geheimnis des Lebens, unser Sein hat gerade deshalb Bedeutung, weil es (permanent) bedroht ist, Nähe ist kostbar, weil sie zerbrechen kann. Wir Menschen lieben permanent mit und in Übergänge — Ein ewiger Transitionsprozess zwischen Begegnung und Verlust, Werden und Vergehen, Anwesenheit und Erinnerung.
Im Zentrum der Produktion Mono No Aware steht die kubanische Choreografin Maura Morales, künstlerische Leiterin der Cooperativa Maura Morales. Ihre Ausbildung umfasst klassisches Ballett, Modern Dance, Schauspiel, Choreografie und Folklore. Seit 2008 entwickelt sie eigene Arbeiten, die international gezeigt und vielfach ausgezeichnet wurden. Morales gehört zu jener Generation von Choreografinnen, die den zeitgenössischen Tanz von einer rein konzeptuellen oder diskursiven Praxis wieder stärker in Richtung physischer und existenzieller Dringlichkeit verschoben haben. Ihr Interesse gilt nicht dem Körper als Zeichen, sondern dem Körper als Erfahrungsraum. Ihre Arbeit ist geprägt von Intensität, Risiko und Präsenz. Emotionen wie Scham, Begehren, Angst, Gewalt oder Zärtlichkeit erscheinen nicht symbolisch, sondern körperlich real. Der Körper ist bei ihr kein Ausdrucksmittel — er ist das Thema selbst. Dabei bewegt sich ihre Arbeit stets im Spannungsfeld von Kontrolle und Kontrollverlust, von Virtuosität und Verletzlichkeit. Der trainierte Körper wird nicht negiert, sondern an seine Grenzen geführt — emotional, physisch und existenziell. Ein zentrales Merkmal ihrer Arbeit ist die enge Verbindung von Tanz und Musik. Die Zusammenarbeit mit dem Komponisten und ihrem Ehemann Michio Woirgardt, ist kein begleitendes Element, sondern struktureller Kern der choreografischen Architektur: Klang und Bewegung entstehen als gleichberechtigte Kräfte.
In Mono No Aware versteht sich der Bühenraum als einen Schwellenraum: ein Ort des Kommens und Gehens, der Präsenz und des Verschwindens zugleich – ein vielschichtiger Erfahrungsraum – ein choreografisches Gedankenzimmer, in dem Erinnern, Abschied und Neubeginn nebeneinander existieren. Ausgangspunkt ist das japanische Konzept Mono no aware: die Empfindsamkeit gegenüber der Vergänglichkeit der Dinge. Doch dieser Abend begnügt sich nicht mit Kontemplation. Er fragt, wie wir mit dem Vergänglichen leben, wie wir es aushalten, schützen, vielleicht sogar feiern können. Die Bühne selbst wird zu einem Raum des Kommens und Gehens, zu einem Willkommensraum und zugleich zu einem Ort des Abschieds. Wie in einer Spirale kehren Motive, Bewegungen und Bilder wieder – nie identisch, immer leicht verschoben. Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich, wie eine Leinwand, die immer wieder übermalt wird: Spuren bleiben sichtbar, auch wenn neue Schichten darübergelegt werden. Im choreografischen Denken von Maura Morales entstehen dabei unterschiedliche Raumzustände: Oberflächen, die Schutz versprechen, und darunterliegende Bunker oder Schutzräume, in die sich Körper zurückziehen. Diese Räume sind ambivalent – Orte der Sicherheit, aber auch der Abschottung. Sie werfen die zentrale Frage des Abends auf: Wie schützen wir uns – und wie bewahren wir uns dennoch die schönen Momente?
MONO NO AWARE ist auch ein Raum der Erinnerungen. Erinnerungen erscheinen nicht als nostalgische Rückblicke, sondern als lebendige, manchmal schmerzhafte Präsenz. Wie macht man die Vergangenheit ertragbar, wie macht man sie erlebbar, ohne erneut verletzt zu werden? Und wie heilt man Traumata, die sich im Körper eingeschrieben haben? Morales scheut dabei nicht vor der Erkenntnis zurück, dass Traumabewältigung auch Reibung, Widerstand, vielleicht sogar eine Form von Gewalttätigkeit im Raum verlangt. Der Körper wird zum Boxring, zum Versuchslabor, in dem Aushandlungen stattfinden – mit sich selbst, mit anderen, mit dem, was war. Ein wichtiger Stellenwert hat in Mono No Aware der Blick auf das kurze aktive Tänzerleben und der damit verbundene Transitionsprozess. Gleichzeitig versteht sich der Abend als kollektives Erlebnis der Vergänglichkeit. Nicht nur persönliche Erinnerungen, auch das Tänzerleben selbst – seine Endlichkeit, seine körperliche Zeitlichkeit – ist eingeschrieben in diesen Abend. Die Bühne wird zum Schwellenmoment: ein Zustand zwischen dem, was war, und dem, was kommt. Auf dieser Schwelle entsteht ein Vakuum, ein Innehalten, ein bewusstes Hinauszögern des nächsten Schrittes. Doch MONO NO AWARE bleibt nicht im Rückblick verhaftet. Erinnerung ist hier nicht Stillstand, sondern Voraussetzung für Bewegung. Neben dem Blick zurück steht immer auch der Blick nach vorne. Vergänglichkeit wird nicht nur betrauert, sondern zelebriert – als etwas, das Intensität erzeugt, als etwas, das Begegnung möglich macht. In diesem Raum sind Geister omnipräsent: Bilder, Menschen, Zustände aus der Vergangenheit. Sie verschwinden nicht, aber sie dominieren auch nicht. Morales’ Choreografie setzt auf die Gleichzeitigkeit von Abwesenheit und Präsenz – auf die Tatsache, dass beides gleichberechtigt nebeneinander existieren kann. So entsteht ein Abend, der kein geschlossenes Narrativ erzählt, sondern einen Zustand öffnet: ein choreografischer Raum zwischen Schutz und Offenheit, Erinnerung und Zukunft, Verletzbarkeit und Kraft. MONO NO AWARE lädt ein, die Vergänglichkeit nicht nur zu betrachten, sondern gemeinsam zu durchleben – als geteilten Moment, der vergeht, gerade weil er da ist.
Alle Beiträge dieses Faltblatts sind Originalbeiträge von TANZ_KASSEL.
Wir danken belverde floristik & ambiente für die Premierenblumen.
Die Tänzer:innen von TANZ_KASSEL werden betreut von unserem Medical Care Management Team:
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Impressum
Fotos: Sylwester Pawliczek, 16. Mrz 2026 | Herausgeber: Staatstheater Kassel | Intendant: Florian Lutz | Geschäftsführender Direktor: Stefan Votel | Tanzdirektor: Thorsten Teubl | Redaktion: Lars Gunnar Anderstam, Thorsten Teubl | Spielzeit 2025/26 | Gestaltung: Grafikabteilung | Website: Stefan Endres | Änderungen vorbehalten.