Let’s talk about Blossom & Decay (UA)

Let's talk about Blossom & Decay (UA)

Energische Tänzer:innen mit Boomboxen in einer Performance-Szene.

We're no strangers to love

You know the rules and so do I

A full commitment's what I'm thinkin' of

You wouldn't get this from any other guy

I just wanna tell you how I'm feeling

Gotta make you understand

Never gonna give you up, never gonna let you down

Never gonna run around and desert you

Never gonna make you cry, never gonna say goodbye

Never gonna tell a lie and hurt you

We've known each other for so long

Your heart's been aching, but you're too shy to say it

Inside, we both know what's been going on

We know the game and we're gonna play it

And if you ask me how I'm feeling

Don't tell me you're too blind to see

Never gonna give you up, never gonna let you down

Never gonna run around and desert you

Never gonna make you cry, never gonna say goodbye

Never gonna tell a lie and hurt you

Never gonna give you up, never gonna let you down

Never gonna run around and desert you

Never gonna make you cry, never gonna say goodbye

Never gonna tell a lie and hurt you

We've known each other for so long

Your heart's been aching, but you're too shy to say it

Inside, we both know what's been going on

We know the game and we're gonna play it

I just wanna tell you how I'm feeling

Gotta make you understand

Never gonna give you up, never gonna let you down

Never gonna run around and desert you

Never gonna make you cry, never gonna say goodbye

Never gonna tell a lie and hurt you

Never gonna give you up, never gonna let you down

Never gonna run around and desert you

Never gonna make you cry, never gonna say goodbye

Never gonna tell a lie and hurt you

Never gonna give you up, never gonna let you down

Never gonna run around and desert you

Never gonna make you cry, never gonna say goodbye

Never gonna tell a lie and hurt you

Never gonna give you up, Rick Astley, 1987

Hip Hop

Geboren in der Bronx, New York, Anfang der 1970er Jahre, inmitten von Armut und verlassenen Gebäuden, ist Hip-Hop weit mehr als ein Stil: Es ist eine Kultur, geformt als Außenseiterreaktion auf Marginalisierung. Entstanden aus politischen und ästhetischen Strömungen, die von früheren sozialen Bewegungen und Musikformen geprägt wurden, kristallisierte sich Hip-Hop im späten 20. Jahrhundert in Nordamerika als kraftvolle neue Ausdrucksform heraus.

Es vereint drei grundlegende Elemente: Musik (mit DJs und Rappern), Tanz (insbesondere Breaking) und bildende Kunst (Graffiti). Der Hip-Hop-Tanz selbst entwickelte sich aus Straßentreffen, bei denen DJs die perkussiven Breaks von Funk-, Soul- und Discoplatten verlängerten und den Tänzern so den Raum gaben, explosive neue Bewegungen zu entwickeln. Entstanden aus Blockpartys und geprägt von sozialen Kämpfen, wurde Hip-Hop schnell zu einem Raum für Kreativität, Widerstand und Freiheit. Seine Tänzer – die B-Boys und B-Girls – entwickelten eine markante körperliche Sprache, inspiriert von James Browns Moves, Kung-Fu-Filmen und Straßenakrobatik.

Im Laufe der Zeit hat sich Hip-Hop weiter ausgebreitet und findet heute Widerhall in Mode, Film und sogar in der Videospielkultur, wo seine Energie und Ästhetik für neue Generationen neu interpretiert werden. Heute auf Bühnen weltweit gefeiert, trägt Hip-Hop immer noch die Spuren seiner Anfänge: rohe Energie, Erfindungsreichtum und ein tiefes Gemeinschaftsgefühl. Blossom and Decay zollt dieser lebendigen Geschichte Tribut und einer Kultur, die sich innerhalb von zwei Jahrzehnten weltweit verbreitet hat. Wie der Journalist und Musikkritiker Jeff Chang feststellt: „Yet by now the concept of Hip-hop holds much more than ideological weight, it feels like gravity itself.“

Born in the Bronx, New York, in the early 1970s, amid poverty and abandoned buildings, Hip-hop is much more than a style: it is a culture, forged as an outlaw response to marginalization. Emerging from both political and aesthetic currents shaped by earlier social movements and musical forms, Hip-hop crystallized as a powerful new mode of expression in the late 20th century North America.

It brings together three foundational elements: music (with DJs and rappers), dance (especially breaking), and visual art (graffiti). Hip hop dance itself grew out of street gatherings where DJs extended the percussive breaks of funk, soul, and disco records, giving dancers the space to develop explosive new movements. Emerging from block parties and shaped by social struggles, Hip-hop quickly became a space for creativity, resistance, and freedom. Its dancers - the B-Boys and B-Girls - developed a distinctive physical language, drawing inspiration from James Brown’s moves, kung-fu films, and street acrobatics.

Over time, hip hop has continued to expand, finding echoes in fashion, film, and even video game culture, where its energy and aesthetics have been reimagined for new generations. Now celebrated on stages across the world, Hip-hop still carries the imprint of its beginnings: raw energy, inventiveness, and a profound sense of community. Blossom and Decay pays tribute to that living history and to a culture that, within two decades, has spread worldwide. As the journalist and music critic Jeff Chang observes, “Yet by now the concept of Hip-hop holds much more than ideological weight, it feels like gravity itself.”

Person posiert mit roten Adidas-Schuhen im Aufzug.
Klil Ela Rotshtain
Akrobatische Person in Gelb und Gold macht Spagat im Aufzug.
Lucie Horná
Person in pinkem Anzug macht lustige Pose im Aufzug.
Safet Mistele
Person kopfüber im Aufzug, blickt in die Kamera.
Shafiki Sseggayi
Person macht Handstand im Aufzug, blickt lächelnd.
Tse-Wei Wu
Person im Aufzug macht Spagat.
Kesi Rose Olley Dorey

Blossom & Decay – Gedankensplitter

Mit Blossom & Decay widmet sich Robozee – alias Christian Zacharias – einem der grundlegendsten und zugleich tiefgründigsten Zyklen des Lebens: dem ständigen Wechsel von Wachstum und Verfall. Ausgangspunkt ist das japanische Konzept Kaika (開花) – die Blütenentfaltung –, das sowohl für das physische Aufblühen einer Pflanze als auch für den metaphorischen Moment innerer Entwicklung steht. Kaika ist das Spielzeitthema von TANZ_KASSEL.

In seiner neuen Choreografie bringt Robozee dieses Bild mit den kraftvollen, energiegeladenen Bewegungen des urbanen Tanzes zusammen und schafft so ein Werk, das den Kreislauf von Entstehen und Vergehen körperlich erfahrbar macht. Blossom & Decay wird zur poetischen Reflexion über die Schönheit des Augenblicks – eine Schönheit, die gerade in ihrer Vergänglichkeit Kraft entfaltet.

Blossom & Decay verbindet meine 27 Jahre Erfahrung im urbanen Tanz mit der Frage, was passiert, wenn Hip-Hop erwachsen wird. Das Stück reflektiert den Kreislauf von Zerfall und

Aufblühen: die Kraft der Gemeinschaft einer Crew, das Strahlen und Vergehen des Individuums sowie das Chaos der Straße, das sich immer wieder neu ordnet.“

In einer Welt, die von sozialer Unruhe, Zerstörung und Unbeständigkeit geprägt ist, wird der Moment des Aufblühens zur Geste des Widerstands. Kaika steht dabei nicht nur für Schönheit – sondern für Hoffnung, Reife und Bewusstsein. Für Robozee, der als Pionier des urbanen Tanzes in Deutschland gilt, ist dieser Moment zugleich ein politischer Akt: ein Ausdruck der Selbstbehauptung im Angesicht von Dunkelheit und Auflösung.

„Mir ist wichtig, dass die Tänzer:innen den Hip-Hop spüren – auch wenn sie aus dem zeitgenössischen Tanz kommen. Da Hip-Hop ein Tanz des Hier und Jetzt ist, entstand das Stück selbst im Moment: durch Recherche, Prozess und gemeinsame Arbeit.“

Musikalisch trägt Blossom & Decay diese Spannung von Aufbruch und Zerfall in sich: Elektronische Klänge, urbane Beats und tribalistische Rhythmen schaffen ein pulsierendes Klangbild, das den Tänzer:innen Raum gibt für körperliche Entfaltung – und gleichzeitig den Takt vorgibt für den unaufhörlichen Zyklus von Werden und Vergehen. Der Sound wird zum Nährboden des Tanzes – ein Spiegel für das soziale Umfeld, das individuelles wie kollektives Leben beeinflusst.

Die Choreografie ist durchzogen von Elementen des Hip-Hop, Breaking und anderen urbanen Tanzformen – jedoch nicht als bloße Zitate, sondern als abstrahierte Essenz. Robozee bringt den urbanen Tanz ins Theater, ohne ihn seiner Wurzeln zu berauben. Die Körper sprechen eine universelle Sprache der Gegenwart – roh, ehrlich, verletzlich und kraftvoll zugleich.

Blossom & Decay bringt urbane Tanzformen ins Theater und abstrahiert ihre Essenz.
Es ist ein sehr persönliches Werk, das meine Erfahrung als urbaner Tänzer widerspiegelt.
Wenn ich die Energie der Tänzer:innen auf der Bühne spüre, sehe ich meine eigenen Einflüsse lebendig werden – und das bedeutet mir sehr viel.“

So thematisiert das Stück nicht nur die äußeren Zyklen der Natur, sondern auch die inneren Kämpfe zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Kontrolle und Hingabe, zwischen persönlicher Freiheit und kollektiver Verantwortung. Es zeigt: Der urbane Tanz ist nicht nur Ausdruck, sondern auch Spiegel gesellschaftlicher Prozesse – voller Energie, Widerspruch und Hoffnung.

Blossom & Decay ist eine Einladung, die Schönheit in der Vergänglichkeit zu erkennen. Es ist ein flüchtiger Moment der Blüte – zart, kraftvoll, ungewiss –, bevor alles wieder in den nächsten Zyklus übergeht. Robozee fordert das Publikum auf, sich der Zerbrechlichkeit des Lebens zu stellen – und in dieser Reflexion über das Aufblühen und Verwelken, das Werden und Vergehen, einen tieferen Sinn zu entdecken.

Interview mit Robozee

Christian „Robozee“ Zacharas ist bekannt für seine einzigartigen Beiträge im Bereich Tanz und Improvisation. Seine Reise begann 1993 als Standard- und Lateintänzer, bevor er 1998 die Hip-Hop-Kultur für sich entdeckte, insbesondere Popping, einen Tanzstil, der Bewegungen so wirken lässt, als wären sie unwirklich oder mechanisch. Dieser Stil gab ihm die Möglichkeit, sich authentischer auszudrücken. Seitdem stieg er rasant in der Tanzwelt auf und arbeitete ab 2006 mit renommierten Choreografen in verschiedenen Tanztheaterproduktionen auf der ganzen Welt zusammen. Darüber hinaus war er in Fernseh- und Online-Werbespots für Marken wie Fisherman’s Friend und Huntington Bank zu sehen und trat gemeinsam mit der international gefeierten Crew Flying Steps auf. Besonders hervorzuheben ist auch seine Schauspielleistung im deutschen Tanzfilm Fly. Robozee ist bis heute eine prägende Figur der deutschen Hip-Hop- und Popping-Szene und steht sowohl für die Bewahrung als auch die Weiterentwicklung des Genres. Wie er selbst treffend sagt: „Tanz reift wie ein guter Wein.“ und „Dance is the math how you move to the music.“

Christian “Robozee” Zacharas is known for his unique contributions to the field of dance and improvisation. His journey began in 1993 as a ballroom and Latin dancer, before discovering hip-hop culture in 1998—particularly Popping, a dance style that makes movements appear surreal or mechanical. This style gave him the opportunity to express himself more authentically. Since then, he has risen rapidly in the dance world and, starting in 2006, collaborated with renowned choreographers in various dance theater productions around the globe. He has also appeared in television and online commercials for brands such as Fisherman’s Friend and Huntington Bank, and performed with the internationally acclaimed crew Flying Steps. Notably, his acting performance in the German dance film Fly also stands out. Robozee remains a defining figure in the German hip-hop and popping scene to this day, representing both the preservation and the evolution of the genre. As he aptly puts it: 
“Dance matures like a fine wine.” and
 “Dance is the math of how you move to the music.”

Was war der ursprüngliche Impuls oder die Inspiration für Blossom & Decay? Gab es ein konkretes Bild, ein Gefühl oder einen gesellschaftlichen Kontext, der dich zu diesem Stück geführt hat?

Die Grundidee war, Hip Hop ins Theater zu bringen und den Kreislauf von Verfall und Aufblühen einer Crew zu zeigen – mit dem philosophischen Gedanken, dass alles einem rhythmischen Zyklus folgt, ähnlich den vier Jahreszeiten.

Der Titel Blossom & Decay verweist auf Gegensätze – Blühen und Vergehen. Wie spiegelt sich dieses Spannungsfeld in der Choreografie und Dramaturgie wider?

Da urbaner Tanz immer im Jetzt stattfindet, ist der unendliche Prozess entscheidend – deshalb passt das Bild von Blühen und Vergehen perfekt.

Wie würdest du die erzählerische Struktur des Stücks beschreiben?

Das Stück ist bewusst fragmentiert, um flexibel zu bleiben. Es hat keine klassische Struktur, sondern eine Ordnung mit Raum für Freiheit – genau darin liegt die Herausforderung.

Was ist für dich die zentrale Aussage oder Botschaft von Blossom & Decay? Was sollen die Zuschauer mitnehmen?

Aus dem HipHop kommend ist mir wichtig, dass das Publikum seine eigene Meinung bilden darf. Jeder Zuschauer soll einen persönlichen Moment erleben, in dem er sich verbunden oder berührt fühlt.

Du kommst aus dem Popping und Hip Hop – wie sehr prägen urbane Bewegungssprachen diese Produktion? Gibt es für dich so etwas wie einen „zeitgenössischen Hip Hop“ auf der Bühne?

Mir war wichtig, dass die Tänzer:innen sich mit dem Stück auseinandersetzen und ihren HipHop spüren. Natürlich gibt es Momente, in denen man Stile wie Popping oder HipHop erkennt, doch entscheidend ist das Zeitgenössische – HipHop bewegt sich immer im aktuellen Zeitgeist.

Wie gelingt es dir, den Dialog zwischen urbanem Tanz und zeitgenössischem Bühnentanz herzustellen, ohne dass einer den anderen dominiert?

Es geht weniger um Bewegung als um Mentalität. Meine Aufgabe ist, diese Mentalität den Tänzer:innen so nah wie möglich zu bringen. Am Ende bleibt es ihre individuelle Entscheidung, ob sie sie annehmen.

Gruppe Tanzende in dynamischen Posen während einer Performance.
Ensemble TANZ_KASSEL
Gruppe Tanzender in Bewegung, nach vorne gebeugt.
Ensemble TANZ_KASSEL
Performer in dynamischer Tanzpose.
Tse-Wei Wu
Fünf Performer:innen in dynamischer Bewegung mit Lichtstäben.
Ensemble TANZ_KASSEL

Was hat dich dazu bewogen, mit TANZ_KASSEL zusammenzuarbeiten – einer Kompanie, die im zeitgenössischen Tanz beheimatet ist?

Für mich geht ein Traum in Erfüllung: Ich wollte schon immer mit Tänzer:innen in Kassel arbeiten. Da ich hier geboren bin und mein Vater über 30 Jahre im Opernchor des Staatstheaters gesungen hat, hat dieses Projekt für mich eine besondere Bedeutung – es fügt sich in den Kreislauf der Dinge.

Wie reagieren klassische oder zeitgenössisch ausgebildete Tänzer:innen auf urbane Bewegungsformen? Gibt es anfangs Widerstände oder Missverständnisse – und wie überwindet man diese?

Urbaner Tanz ist individuell geprägt durch Disziplin, Battles und die Mentalität „show and prove“ – Anerkennung gibt es nur über Skills. Diese Haltung eröffnet zeitgenössischen Tänzer:innen neue Perspektiven und ein spannendes Vokabular, das Interesse weckt statt Missverständnisse.

Was sind für dich die größten Unterschiede – aber auch die überraschendsten Gemeinsamkeiten – zwischen klassisch-zeitgenössischem Tanz und urbanem Stil?

Ich sehe mich als Ausnahme, weil ich Abstraktion schätze. Für mich liegt darin das eigentliche Erschaffen. Aus traditioneller Sicht ist urbaner Tanz der Mentalität nach dem Ballett sehr nah: klare Regeln, benannte Bewegungen, ständiges Wachstum – und damit zugleich zeitgenössisch.

In Blossom & Decay geht es offenbar nicht nur um Bewegung, sondern auch um emotionale Tiefe. Wie arbeitest du mit den Tänzer:innen an Ausdruck und Atmosphäre jenseits der Technik?

Mein Ziel ist, Echtheit („Realness“) zu erreichen – ohne aufgesetzte Rollen. Es gibt zwar Charakter-Entwürfe, doch wichtiger ist, dass die Tänzer:innen sich selbst finden und ihre Motivation von innen heraus auf die Bühne bringen

Wie wichtig ist Musik in dieser Produktion – und wie beeinflusst sie die Bewegungsqualität oder das Storytelling auf der Bühne?

Musik spielt im Urban Dance eine zentrale Rolle, weil durch sie Bewegung entsteht – wie es auch die Definition von Tanz im Lexikon beschreibt. Ohne Musik entstünde eher eine physikalische Konstruktion. Da bin ich Traditionalist, weil ich Musik liebe und sie mir viel beigebracht hat.

Welche Entwicklung siehst du für den urbanen Tanz im Theaterkontext? Ist Blossom & Decay ein Statement für mehr Hybridität in der Tanzlandschaft?

Es ist ein Einstieg und zugleich ein Clash: eine nicht-akademische, aber ausgereifte Sprache trifft auf das Theater – als Ort der Kunstliebe und des künstlerischen Ausdrucks.

Lass uns ein Spiel spielen: Wie würdest du in 10 Fragen Dein Stück beschreiben. Wie riecht Dein Stück, welche Farbe hat es?

So bunt wie die internationale HipHop-Kultur.

Wie würdest Du Blossom & Decay für ein Kind beschreiben?

Danach wirst du Lust haben zu tanzen.

Was soll das Publikum nach der Vorstellung mitnehmen und von dem Stück lernen oder im Gedächtnis behalten?

Echtheit bedeutet für mich, das Publikum nicht zu manipulieren. Ich will niemandem aufzwingen, dasselbe zu fühlen oder mitzunehmen. Jeder soll ehrlich im Moment sein, etwas Eigenes erfahren – denn Momente vergehen, und das Leben geht weiter.

Welche Beziehung hast Du zu Kassel?

Kassel City ist meine Stadt. Ich repräsentiere sie und habe sie auf der HipHop-Landkarte sichtbar gemacht.

Was ist Freiheit für Dich?

Mein siebenjähriger Sohn sagt es am besten: „Freiheit bedeutet, alles machen zu können, was man möchte.“ – mit dieser kindlich offenen und herzlichen Naivität.

Ist Tanz weiblich oder männlich?

Gendern im Tanz ist langweilig – alles tanzt!

Ist Hip Hop weiblich oder männlich?

Hip Hop bedeutet Skills.

Was sind typische Moment im Hip Hop?

Sie entstehen, indem man sie erlebt.

Ist Hip Hop toxisch? Woran sieht oder bemerkt man das? Existiert eine Zeichensprache? Wie kommunizieren Tänzer:innen im Hip Hop untereinander?

Da Hip Hop viele Facetten hat und im Jetzt lebt, kann er alles sein – auch in der Sprache, die sich seit Jahrzehnten ständig transformiert und weiterentwickelt.

Wie unterschiedlich ist die Szene im Vergleich zu einer Produktion an einer öffentlichen Institution?

Es gibt viele Berührungspunkte, da im Tanz die Kunst im Vordergrund steht. Doch Institutionen sind oft von Bürokratie geprägt, was das Machen erschwert. Die Szene selbst hat ebenfalls zwei Seiten einer Medaille – am Ende geht es immer ums Menschsein.

Was ist Dein Fazit aus dem Abenteuer TANZ_KASSEL?

Ich fühle mich erfüllt, begeistert – es ist spannend, neu und erfrischend. Wie jeder neue Moment, den man bewusst wahrnimmt.

Da das Leben ein Prozess aus lebendigen Momenten im Jetzt ist, weiß ich nicht, wie ich diese Fragen in zehn Jahren beantworten würde. Da HipHop immer im Zeitgeist lebt, wird er sich transformieren und verändern – doch wer die Ursprünge kennt, wird ihn immer wiedererkennen.

Performer:innen inszenieren Tanz mit bunten Lichtröhren.
Ensemble TANZ_KASSEL
Tanzende in Bewegung, eine Person stützt die andere.
Kesi Rose Olley Dorey, Shafiki Sseggayi
Vier Tänzer:innen in dynamischer Bewegung auf der Bühne.
Lucie Horná, Klil Ela Rotshtain, Kesi Rose Olley Dorey, Tse-Wei Wu
Tanzende auf der Bühne während einer dynamischen Performance.
Lucie Horná, Tse-Wei Wu, Klil Ela Rotshtain
Person mit gelbem Hemd, Leuchtstab, blickt intensiv.
Shafiki Sseggayi

Interview mit RANDOMHYPE

Du arbeitest nicht zum ersten Mal mit TANZ_KASSEL – was reizt Dich an Kassel?

Kassel hat eine besondere Energie, besonders im Kontext von TANZ_KASSEL und dem Staatstheater. Es ist ein Ort, an dem sich Hochkultur und urbane, freie Kunst auf Augenhöhe begegnen. Mich reizt immer wieder die Offenheit und die Bereitschaft, wirklich radikale und zeitgenössische Stücke zu wagen – das gibt mir als Sounddesigner maximale Freiheit. Außerdem schätze ich die langjährige Zusammenarbeit mit tollen Menschen hier.

Was sind Deine Erfahrungen mit Hip Hop und urbaner Musik?

Hip Hop und urbane Musik sind tief in meiner musikalischen DNA verwurzelt. Mein Soundspektrum als DJ und Produzent ist breit, aber es umfasst definitiv Hip Hop, Funk, Electro, 2Step, Garage und vor allem Breakbeat und Drum'n'Bass. Ich habe selbst jahrelang eine Dubstep-Reihe als Resident DJ veranstaltet. Urbane Musik ist für mich die Musik der unmittelbaren Reaktion, der pulsierenden Rhythmen und der ständigen Evolution. Sie ist der perfekte musikalische Nährboden für die körperliche Expressivität von Tanzformen wie Popping, wie Robozee sie meisterhaft beherrscht.

Welche Herausforderungen stellt Blossom & Decay an Dich als Komponisten?

Die größte Herausforderung liegt in der Dualität des Themas: Wachstum und Verfall, Schönheit und Zerstörung. Es geht darum, diesen ständigen Kreislauf musikalisch so zu übersetzen, dass er nicht nur untermalt, sondern den Tanz vorantreibt und gleichzeitig zerfallen lässt. Ich muss Klänge finden, die sowohl die verletzliche, flüchtige Schönheit des „Blühens“ als auch das unvermeidliche, teils harsche „Vergehen“ spürbar machen, ohne dabei in Klischees zu verfallen. Der Sound muss selbst organisch wirken, sich auf- und abbauen.

Welche Art von Musik/Sound hast Du für das Stück entwickelt?

Ich habe einen elektronischen, urbanen und pulsierenden Soundteppich geschaffen. Man hört eine Mischung aus tiefen, resonanten Bässen und kristallinen, zerbrechlichen Texturen. Es sind oft komplexe, unruhige Rhythmen, die die Bewegung antreiben, aber auch Momente der Stille und des Drone als Ausdruck der Vergänglichkeit. Es ist ein Sound, der als Brutstätte für den Tanz dient – ein Klangraum, der beeinflusst und gleichzeitig geformt wird.

Wie war die Zusammenarbeit mit Robozee?

Die Zusammenarbeit mit Robozee ist immer extrem fruchtbar. Er ist eine prägende Figur im Urban Dance und hat ein sehr klares Gespür dafür, wie Rhythmus und Sound Körperlichkeit definieren können. Was ich besonders schätze, ist der Dialog. Mein Sound ist für ihn nie nur Hintergrund, sondern er lässt sich aktiv von ihm formen. Das Ergebnis ist eine echte Symbiose – Tanz und Sound sind gleichwertige Erzählebenen.

Was ich schon immer einmal fragen wollte...Dein Künstlername RANDOMHYPE: Wieso?

Der Name RANDOMHYPE spielt mit der Idee des Zufälligen und des Energetischen. „Random“ steht für meine breite, genresprengende musikalische Palette – die zufällige Kombination von Stilen, von Klassik bis Drum'n'Bass. „Hype“ steht für die Energie, den Drive und die treibende Kraft, die in meiner Musik steckt, besonders wenn ich für den Club oder die Bühne produziere. Es ist die Kombination aus unvorhersehbarem Sounddesign und maximaler Energieübertragung.

In welchen Farben siehst du Deine Musik – wie riecht sie?

Die Musik für Blossom & Decay sehe ich in zwei dominierenden Farbpaletten:
Das „Blossom“ ist ein durchscheinendes, leuchtendes Türkis mit kristallinen Weiß- und Goldakzenten – es riecht nach kühler Morgenluft, feuchter Erde und dem subtilen Duft eines gerade aufgebrochenen Blütenstiels.
Das „Decay“ ist ein tiefes, schmutziges Ockerbraun, durchzogen von rauen, rostigen Rottönen und elektrischem Neongrün – es riecht nach Ozonschicht, verbranntem Metall und einer Spur faulenden Holzes.

Wie hätte Mozart die Musik für Blossom & Decay komponiert?

Mozart hätte die Musik wahrscheinlich mit seiner typischen Klarheit, Leichtigkeit und gleichzeitigen Tiefe komponiert. Er hätte die flüchtige Schönheit des Blühens in federleichten, virtuosen Melodien und eleganten Harmonien ausgedrückt. Das „Vergehen“ hätte er vielleicht nicht im Sinne von Zerstörung, sondern als melancholischen Abschied in dunkleren, aber immer noch formvollendeten Moll-Passagen umgesetzt, die die Unentrinnbarkeit des Kreislaufs betonen. Er hätte die Transzendenz betont.

Magst Du Mozart?

Ich schätze Mozart sehr. Ich komme selbst aus einer klassischen Ausbildung – Chor und Klavier. Seine Musik ist in ihrer Struktur und emotionalen Präzision faszinierend. Auch wenn mein Sound elektronisch und urban ist, sind das Verständnis für Harmonie, Form und Thematik, das man in der Klassik lernt, absolut grundlegend für meine Arbeit.

Was sind Deine Vorbilder?

Meine Vorbilder kommen aus vielen Ecken:
In Sachen Sounddesign und Textur sind das Künstler wie Aphex Twin oder Burial, die es schaffen, eine ganze Welt in Klang zu bauen.
Im Rhythmischen sind das die Pioniere des Drum'n'Bass und Breakbeat wie Goldie.
Und im Bereich der Tanz- und Bühnenmusik ist es jeder, der den Mut hat, Konventionen zu brechen und den Sound als eigenständige Kraft auf die Bühne zu stellen.

Was war dein erster Impuls, als du von der Produktion Blossom & Decay gehört hast? Welche Klänge oder Atmosphären hattest du spontan im Kopf?

Mein erster Impuls war sofort der Klang von zerbrechlichen, aber widerständigen Texturen. Ich hatte sofort klirrende, helle Glitch-Sounds im Kopf, die ein plötzliches Wachstum symbolisieren, gefolgt von tiefen, pulsierenden Sub-Bässen – das unaufhaltsame Echos des Verfalls. Die Atmosphäre war eine Mischung aus dringlicher, urbaner Hektik und einer fast meditativen, stillen Leere.

Wie sieht dein kreativer Prozess aus, wenn du Musik oder Sounddesign für eine Tanzproduktion entwickelst? Kommt der Sound zuerst – oder reagierst du auf Bewegung?

Es ist ein ständiger Pingpong-Effekt. Zu Beginn steht oft ein konzeptueller Klang-Grundstein, den ich als katalytisches Element in den Proberaum werfe. Die Tänzer und Robozee reagieren auf diesen Sound, entwickeln Bewegung, die ich wiederum aufnehme, zerschneide und in musikalische Strukturen zurückübersetze. Es ist ein feedback loop: Der Sound fordert die Bewegung heraus, und die Bewegung formt den Sound. Für Blossom & Decay war das besonders wichtig, da der Sound der Nährboden für den Tanz sein sollte.

Wie würdest du den Sound dieser Produktion in einem Satz beschreiben – für jemanden, der ihn noch nie gehört hat?

Es ist der Sound einer elektronischen Uraufführung – eine pulsierende, urbane Brutstätte aus kristallinem Glitch und tiefem Sub-Bass, die sich unaufhaltsam zwischen euphorischem Wachstum und harschem Zerfall bewegt.

Was war technisch oder emotional die größte Herausforderung an Blossom & Decay – und worauf bist du besonders stolz?

Technisch war die Herausforderung, die Vergänglichkeit selbst in der Musik greifbar zu machen, ohne dass es sich willkürlich anfühlt – Klänge, die sich auflösen, verzerren und transformieren, wie ein organischer Prozess. Emotional war es, die Schönheit des Schmerzes im Zerfall zu finden. Ich bin besonders stolz auf die Kohärenz zwischen Tanz und Sound. Das Gefühl, dass der Sound im Theater physisch spürbar wird und als gleichberechtigter Performer auf der Bühne steht.

Wie sehr beeinflusst dich das Thema der Vergänglichkeit – also Blossom & Decay – in deiner Musik? Spiegelt sich das in Klängen, Rhythmen oder Stille wider?

Das Thema ist der Kern. Es spiegelt sich überall wider:
Klänge: In der Manipulation von Texturen – ich lasse Sounds „blühen“ durch aufsteigende Harmonien und dichte Layer, und ich lasse sie „vergehen“ durch aggressive Bit-Crushing-Effekte, Noise und das Einfrieren von Frequenzen.
Rhythmen: Im Auf und Ab der Pulsfrequenz. Es gibt Momente von maximaler Dringlichkeit und Dichte (Blossom) und dann plötzliche Übergänge in eine fast rhythmische Leere oder einen langsamen, unerbittlichen Herzschlag (Decay).
Stille: Sie ist das wichtigste Element. Stille ist das Ende des Verfalls und die Voraussetzung für neues Blühen. Die Abwesenheit von Klang ist genauso dramatisch und wirkungsvoll wie dessen Präsenz.

Wie klingt dein persönliches „Vergehen“? Und wie klingt dein inneres „Blühen“? Würdest du uns da einen kleinen Einblick geben?

Mein inneres „Blühen“ klingt wie ein komplexes, sich ständig entwickelndes Drum'n'Bass-Pattern – extrem dicht, vielschichtig, voller kleiner, überraschender Elemente, mit einer warmen, analogen Bassline als emotionalem Anker. Mein persönliches „Vergehen“ klingt wie ein sehr langer, tiefer Drone in einer extrem tiefen Frequenz, der von einem glitchigen, hochfrequenten Quietschen durchbrochen wird, das langsam immer langsamer und schließlich nur noch Kaltes Rauschen wird.

Wie viel von dir selbst – deiner Stimmung, deinen Zweifeln, deinen Träumen – steckt in der Musik, die du für dieses Stück gemacht hast?

Sehr viel. Jede Musik, die ich mache, ist ein Spiegel. Die Zweifel stecken in den rauen, instabilen Frequenzen und den plötzlichen Abbrüchen. Die Energie und die Träume stecken im unaufhaltsamen, treibenden Puls und den epischen, weiten Flächen. Die Stimmung – die ständige Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit der eigenen Kunst und des Lebens – ist die emotionale Grundierung der gesamten Komposition.

Was hörst du selbst, wenn du abschalten willst? Und was ist der Soundtrack deines Lebens, wenn du morgens die Augen aufmachst?

Zum Abschalten höre ich oft Ambient und Drone-Musik – Sachen, die wenig Rhythmus haben und einfach nur Klangräume schaffen. Künstler wie Brian Eno oder neuere Ambient-Techno-Sachen. Es hilft, den Kopf freizubekommen. Der Soundtrack meines Lebens, wenn ich morgens die Augen aufmache, ist oft ein langsamer, tiefer Dub-Track – etwas mit viel Echo und Hall, das den Tag langsam in Gang bringt und ihm eine warme, wogende Tiefe gibt.

Glaubst du, dass Klang heilen kann? Und gibt es in deinem Sounddesign eine Art spirituelle oder philosophische Dimension – auch wenn es nur ein subtiler Unterton ist?

Ja, ich glaube zutiefst, dass Klang heilen kann. Es geht nicht um esoterische Heilschwingungen, sondern um die Fähigkeit des Klangs, Resonanz im Körper zu erzeugen – emotionale und physische Resonanz. Tiefe Frequenzen erden, hohe Frequenzen können klären. Die spirituelle Dimension in meinem Sounddesign ist der Versuch, Zeit aufzulösen. Durch die Überlagerung von Rhythmen und das Dehnen von Texturen versuche ich, einen Zustand zu erreichen, der losgelöst von der linearen Zeit ist – ein Abbild des ewigen Kreislaufs von Blühen und Vergehen, wie er im philosophischen Kern des Stücks steckt. Es ist der subtile Unterton der Unendlichkeit im Vergänglichen.

Wenn Gott Musik wäre – welches Genre hätte er? Oder: Gibt es für dich einen göttlichen Moment im Sounddesign?

Wenn Gott Musik wäre, wäre er wahrscheinlich Stille. Oder das weiße Rauschen aller Genres gleichzeitig, das sich im nächsten Moment zu einem perfekten, einzelnen Ton verdichtet. Das Genre wäre vielleicht Drone – etwas, das scheinbar statisch, aber voller kleinster, unendlicher Bewegung und Fülle ist. Der göttliche Moment im Sounddesign ist, wenn ich einen Klang erzeuge, der unvorhersehbar ist, der aus dem Nichts auftaucht und sich so anfühlt, als wäre er schon immer da gewesen. Das ist der Moment, in dem der Zufall – das „Random“ in meinem Namen – zur Notwendigkeit wird.

Und zuletzt ganz banal – aber ehrlich: Was hat dich zuletzt wirklich glücklich gemacht? Im Studio, auf der Bühne oder einfach nur im Alltag?

Was mich zuletzt wirklich glücklich gemacht hat, war ein ganz spezifischer Moment in der Probe für Blossom & Decay. Ich hatte einen neuen Breakbeat-Loop programmiert, der unglaublich komplex und treibend war. Als die Tänzer, Robozee und das Ensemble auf diesen Loop reagierten und ihre Popping- und Urban-Dance-Bewegungen millisekundengenau in die Lücken des Rhythmus setzten, war das ein Moment perfekter, synchroner Energie. Das war pures, ungebändigtes Glück – der Beweis, dass Sound und Bewegung eins geworden sind. Das macht mich glücklich, im Studio wie auf der Bühne.

Interview mit Bühnen- und Kostümbildnerin Nuphar Barkol

Nuphar Barkol wurde 1989 in Tel Aviv geboren. Sie studierte Schauspiel an der Beit Zvi Schauspiel Hochschule (2012) & Theaterwissenschaften BA, mit Schwerpunkt Theaterregie, an der Universität Tel Aviv (2016). Seit 2013 ist sie als Theaterregisseurin tätig, seit 2018 entwirft sie auch die Ausstattung für ihre eigene Werke u. a. Krank/Krankheit der Jugend, Monster und die Oper Le Nozze di Figaro in der Freie Szene und Schauspiel/Musik Akademien in Israel. In 2017 hat sie als Co-Kuratorin von Stage 3, der kleinen Bühne des Be’er Sheva Theater, Israel gearbeitet. Im selben Jahr wurde sie mit Künstler:innen des Theater Nachwuchs aus aller Welt zum Internationalen Forum des Theatertreffens der Berliner Festspiele ausgewählt. Sie studierte Szenografie und Bühnenbild am Studiengang Bühnenbild_Szenischer Raum an der Technischen Universität Berlin (2023).

Nuphar Barkol was born in Tel Aviv in 1989. She studied Drama at Beit Zvi Drama College (2012) & theater studies BA, with a focus on theater directing, at Tel Aviv University (2016). She worked as a theater director since 2013, and from 2018 she has also been designing the set for her works, including Krank/Pains of Youth, Monsters and the Opera Le Nozze di Figaro, in the independent scene and acting/music academies in Israel. In 2017, she worked as co-curator of Stage 3, the small stage of the Be'er Sheva Theatre, Israel. In the same year, she was selected for the International Forum of the Berliner Festspiele's Theatertreffen with young theater artists from all over the world. She studied scenography and Stage design in the masters degree program of the Technical University of Berlin (2023).

Du arbeitest zum ersten Mal mit TANZ_KASSEL – wie war dieser Einstieg für dich? Was hat dich an der Zusammenarbeit besonders gereizt oder überrascht?

Ich habe die enge Zusammenarbeit mit Tänzer:innen vermisst, und bei TANZ_KASSEL war die Verbindung unmittelbar spürbar. Die Tänzer:innen, das künstlerische Team fühlten sich nah, neugierig und leidenschaftlich, um in neue Sphären zu fliegen. Ich war bewegt von der großen Aufmerksamkeit, die jedem Naht- oder Pinselstrich in den Werkstätten und Schneidereien gewidmet wurde. Ich habe so viel von ihnen gelernt, und sie haben unsere Träume wahr gemacht.

Welche Rolle spielt Hip Hop in deinem Leben – künstlerisch oder privat? Hast du selbst getanzt oder war Tanz auf andere Weise Teil deiner Biografie? Wie sah dein konkreter Arbeitsprozess mit dem Team – insbesondere mit Robozee – aus? Wie habt ihr euch inhaltlich und visuell aufeinander eingeschwungen?

Ich habe eigentlich sehr wenig Verbindung zum Hip-Hop – und das machte alles für mich zu einer großartigen Entdeckung. Das musste den Dialog zwischen Robozee und mir sehr präzise und offen machen, ich musste alle meine Sensoren öffnen, tief recherchieren und dann mit unserer Fantasie fliegen, einen besonderen Raum für die Tänzer:innen selbst zu schaffen, inspiriert von ihnen. Ich denke, es ist immer ein sensibler Prozess, eine neue Arbeit mit jemandem zu beginnen, mit dem man noch nicht zusammengearbeitet hat. Aber Robozee sagte „Lasst uns träumen“, und das war eine großzügige Einladung, gemeinsam ein Abenteuer zu beginnen, ohne zu wissen, wo wir landen würden. Ich bin sehr dankbar für diesen Dialog und diese Gelegenheit, gemeinsam etwas Neues zu schaffen, das mich auch überrascht hat. 

Ich bin als Gymnastin und später als Tänzerin aufgewachsen. Als ich 18 wurde, habe ich leider einfach aufgehört, aber als das Ballett während meines Schauspielstudiums wieder in mein Leben trat, wurde mir klar, dass Tanz und Körperlichkeit eine große Rolle für mich spielen, wie ich denke, arbeite ... und wie ich bin. Bis heute trainiere ich regelmäßig mit „Gaga” (der Tanzsprache von Ohad Naharin), um meine Gedanken zu befreien und mich inspirieren zu lassen.

Mode-Skizzen und Referenzbilder für sportliche, legere Kleidung.
© Nuphar Barkol
Zwei illustrierte Personen in eleganten, farbenfrohen Anzügen.
© Nuphar Barkol

Wie näherst du dich einer neuen Produktion wie Blossom & Decay an? Gibt es für dich ein erstes Bild, ein Gefühl oder eine Frage, mit der alles beginnt?

Ich muss „vor Ort“ sein, wenn ich an einem neuen Projekt arbeite. Bei dem Designprozess hat das für mich viel mit dem Raumgefühl zu tun – dann ergeben alle Formen und Farben einen Sinn. Bei Blossom & Decay habe ich irgendwann angefangen, Skateparks in München, wo ich lebe, zu besuchen. 

Ich saß dort und lernte die Architektur und Formen aus verschiedenen Perspektiven kennen. Langsam begann ich, den Ort auf eine andere Weise wahrzunehmen, und so sah der gewölbte Beton für mich plötzlich wie ein anderer Planet aus. Das verbindet sich sehr gut mit dem Inhalt von Blossom & Decay.

Was ist für dich persönlich der Kern oder das Thema von Blossom & Decay – und wie zeigt sich das in deinem Bühnenbild?

Für mich kam Blossom & Decay zu einer schwierigen, schmerzhaften Zeit für die Welt und woher ich komme – Israel. Die von Robozee mitgebrachten Inhalte brachten mich dazu, über uns Menschen in dieser Zeit nachzudenken und darüber, welches Potenzial wir haben, um miteinander in Verbindung zu treten, andere mit liebevollen Augen zu sehen und welche große Bedeutung Liebe in unserem Leben hat. Das müssen wir schätzen und schützen.  

Das Design bezieht sich auf surreale Weise auf bestimmte Momente der Hip-Hop-Kultur, beispielsweise auf die Boombox. Was zeigt unsere Beziehung zur Natur besser und macht uns als Teil der Natur sichtbar als Musik und Tanz?! Die überdimensionalen Vintage-Verstärker werden in diesem Werk zu einer weiteren Figur oder einem Wesen, zu von Menschen geschaffenen Apparaten, um das unendliche Verlangen nach Verbundenheit und Liebe auszudrücken.

Bühnenbild-Skizze.
© Nuphar Barkol
© Nuphar Barkol

Gibt es Elemente im Bühnenbild, die metaphorisch für dein eigenes Leben oder aktuelle Gedanken stehen? Kann man Bühnenräume als persönliche Spiegel begreifen?

Die Bruchstellen in den überdimensionierten Vintage-Verstärkern – für mich könnten das Stellen sein, an denen wir vielleicht Fehler gemacht oder etwas Schmerzhaftes erlebt haben, aber auch Stellen, an denen etwas Neues wachsen könnte, wenn wir sie gießen würden.

Eine Person mit Kapuze streckt spielerisch die Zunge heraus.
Kesi Rose Olley Dorey
Zwei Personen in bunten Outfits tanzen akrobatisch.
Safet Mistele, Kesi Rose Olley Dorey

Probenfotos: Sylwester Pawliczek, Probe am 24. Sep 2025 | Herausgeber: Staatstheater Kassel | Intendant: Florian Lutz | Geschäftsführender Direktor: Stefan Votel | Tanzdirektor: Thorsten Teubl | Redaktion: Lars Gunnar Anderstam, Zélie Harscouët, Thorsten Teubl | Spielzeit 2025/26 | Gestaltung: Georg Reinhardt | Website: Stefan Endres | Änderungen vorbehalten.