Rave (UA)

Rave (UA)

Wem gehört die Stadt?

Rave – eine Reportage zum Technoclub Aufschwung Ost / Stammheim von Alexander Olbrich

"If Kassel is known in Germany for another cultural contribution besides the art fair documenta it is the legacy of the techno club Aufschwung Ost, and its renamed successor Stammheim." (DJ und Autor Finn Johannsen)

14. Juni 2025. Einen Tag nach dem Konzert von Technostar Paul Kalkbrenner auf dem Friedrichsplatz schlendere ich über den Hauptfriedhof in der Nordstadt und bleibe wie zufällig vor einem imposanten Grabmal stehen: Es gehört Heinrich Salzmann und ist ein Ehrengrab der Stadt Kassel für den Gründer der ehemaligen Textilfabrik in der Sandershäuser Straße. „Wo ist das Ehrengrab für den Club Stammheim?“, schießt es mir durch den Kopf.

Die letzten Wochen sind geprägt von intensiver Recherche mit Regisseurin Laura N. Junghanns für das Theaterprojekt Rave (UA), das von dem legendären Technoclub in der alten Salzmann-Fabrik handeln soll. Wir führen Interviews mit Protagonist:innen, Weggefährt:innen, Raver:innen und versuchen, uns auf die vielen Geschichten und Perspektiven einen Reim zu machen. Der Kopf raucht und sprüht Funken: Wie der Vielstimmigkeit gerecht werden, ohne die eigene künstlerische Stimme zu verlieren? Was sind überhaupt die Fakten? Ein Fundament muss her, denn Clubgeschichte ist kein Unifach mit Doktorarbeiten und professoralen Autoritäten, es gibt sie nur in den vielen subjektiven Erinnerungen und einigen Zeitdokumenten.

Historisches Salzmann & Comp. Backsteingebäude an der Straße.
Salzmann-Fabrik, Kassel-Bettenhausen
Junge Menschen drängen sich in dunkler Gasse.
Andrang vor der Clubtür

Nach dem Niedergang der Textilfabrik Salzmann & Comp. von Urvater Heinrich im Jahr 1971 stehen die 20.000 m² Gewerbefläche mehr als 15 Jahre erstmal leer, bevor das Gelände 1987 durch die documenta 8 sowie die Gründung des Vereins Kulturfabrik Salzmann e.V. neue Impulse erhält: Theater spielt von Anfang an eine wesentliche Rolle, die freie Theaterszene findet dort ebenso eine Bühne, wie auch das Staatstheater für einige Zeit eine Ersatzspielstätte bezieht. Dazu gibt es Tanz, Konzerte und Ausstellungen, Ateliers und Startups, als im Wendejahr 1989 für ca. 140.000 DM Teile des Westflügels zu einer Diskothek umgebaut werden, die zunächst Factory heißt. Hierbei handelt es sich noch um einen der damals üblichen „Gemischtwarenläden“, es wird unterschiedlichste Musik gespielt, aber die Betreiber sind offen für Neues und so ist es den Kuchinke-Brüdern, insbesondere DJ Bernd Kuchinke, zu verdanken, dass der Techno Kassel schon mal einen Besuch abstattet. 1992/93 erhält dann der junge Oliver Friedrich die Chance dort eine Veranstaltungsreihe zu machen und nennt sie, nicht ohne 90er-Trash-Charme: Oli’s beste Feste. Die Reihe hat Erfolg und ist bereits eine Kollaboration mit dem später gefeierten Grafikerduo Valentin Kopetzki und Jens Bringmann, die u.a. mit ihren Hotze-Comics im Magazin Groove die Szene aufmischen werden.

Als den jungen Freunden plötzlich der ganze Club angeboten wird, fackeln sie nicht lange und übernehmen 1994 die Factory mit weiteren Gleichgesinnten. Ein neuer Name muss her. Hier gehen die Geschichten etwas auseinander, aber eine lautet, dass man einen der Mitbewohner zu den Favoriten befragt und als man ihm „Aufschwung Ost“ vorlegt, ist der so entschieden dagegen, dass das als Gütesiegel ausreicht.

Nun beginnt eine beispiellose Erfolgsgeschichte, alles scheint hier zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu geschehen: Ein großer Club mit drei Floors mitten in Deutschland im „Jahrzehnt der Freiheit“ (Jens Balzer). Techno ist die Musik der Stunde und seine Subkultur eine junge Bewegung mit revolutionärem Potential.

Feiernde in einem Club mit leuchtender Kunst und Hutdekoration.
Deko von Stellmacher & Jensen
Feiernde Gäste in einem Club mit Hirschkopf und Bar.
Tanzen auf den Tischen im House-Café

Ihre Grundwerte PLUR (Peace, Love, Unity, Respect) werden frisch geprägt – und gelebt! Ob alles immer nur Harmonie war? Sicher nicht! Und wer Stress macht, muss raus oder kommt gar nicht erst rein. Nur selten muss einer „im Flur der Liebe“ aber auch mal früher als erwartet „schlafen“ geschickt werden, wie uns der langjährige Protex-Geschäftsführer Ernesto Plantera erzählt, der damals im Eingangsbereich stand und sich lieber als empathischer „Party Guard“ denn als kantiger Türsteher versteht. Die Werte werden hier schon an und vor der Tür vertreten, der Empfang ist freundlich-familiär – und nach der Schicht wird auf der Theke im House-Café zu Resident DJ Chi mitgefeiert. Die familiäre Atmosphäre fällt Regisseurin Laura und mir an vielen Punkten unserer Recherche auf, etwa bei einer großen Interviewrunde im Club Graf Karl, als wir plötzlich Teil eines einzigartigen Gemeinschaftsgefühls werden, das die Jahrzehnte überdauert hat.

„DJ Chi hat wahnsinnig Party gemacht und die ganze Zeit getanzt, während er aufgelegt hat. Manchmal ist er auch einfach runtergegangen und hat auf dem Floor mitgetanzt, bevor er die nächste Platte gespielt hat. Wenn er fertig war, ist er nicht nach Hause gefahren, sondern hat mit den Leuten im Publikum weitergefeiert.” (DJ Oliver Koletzki über DJ Chi)

Gleich im zweiten Jahr wird das Aufschwung Ost vom Technomagazin Frontpage 1995 zum Club des Jahres gewählt, weitere Auszeichnungen folgen. Die Leute kommen aus ganz Deutschland und den Nachbarländern, um zu den Sets der Resident DJs Pierre, Marky oder Chi sowie internationalen Stars wie Sven Väth, DJ Rush, Laurent Garnier, Ritchie Hawtin oder Carl Cox zu tanzen. Aufwendig konzipierte Events setzen zusätzliche Highlights: Kostümparties wie die Pyjama-Partyreihe Pyjamania, eine psychedelische Samsara-Night mit Puppenspieler:innen und Feuertänzer:innen aus London, aber auch ein großes Symposion von Eve & Rave, den Pionieren der Drogenberatung. Ja, der Club hat gar einen eigenen ‚Drogentherapeuten‘: Im Lastenaufzug des Clubs sitzt Henner Stang und bietet dem Raver-Volk seine Talk Outs an. Es ist auch dieser offene Umgang mit Problemen in der Szene, getragen von Charme und Chuzpe, der den Club zu etwas Besonderem macht. Überall begegnen uns darüber hinaus theatrale Elemente wie die häufig wechselnden Dekos, die diese einzigartige Atmosphäre neben der Musik kreiert haben müssen. Dieser Club ist ein Gesamtkunstwerk!

Feiernde auf roter Plattform, umgeben von Licht und glänzender Folie.
Ein Fluss im Chillout
Ausgelassene Feiernde tanzen im warmen, gelben Licht.
Golden Touch auf dem Big Floor

Ende 1996 kommt es dann zu ersten internen Konflikten um Fragen der Finanzen und der Verantwortung, an deren Ende der erste Geschäftsführer das Feld räumt und den Namen mitnimmt. Für eine kurze Phase stehen auf den Flyern von Bringmann & Kopetzki nur drei ???, bis man einen neuen gefunden hat. Stammheim. Provokativ und politisch aufgeladen wie er ist, findet auch er gleich Gegenstimmen – gut so, das bleibt im Kopf. Auch die ‚Heimkinder‘, eine Selbstbezeichnung der Stamm-Klientel, können dadurch bald aus der Taufe gehoben werden und finden hier ihr zweites (oder erstes) Zuhause. Und mit denen wird erstmal erfolgreich weitergefeiert, obwohl die jährliche Verlängerung des Mietvertrags eine ständige Herausforderung bleibt und erste Beschwerden von Nachbar:innen kommen. Die Geschäftsführer wechseln häufig und einige versuchen den Betrieb kommerzieller auszurichten. Das „Jahrzehnt der Freiheit“ neigt sich dem Ende zu und Techno ist auch nicht mehr ganz so neu, auch wenn die Musikrichtung weltweit ihren Siegeszug antritt und DJs zu Popstars werden.

2002 kommt dann das Aus – schnell und plötzlich: Der Kulturfabrik Salzmann e.V. wird wegen ihrem Untermieter Stammheim der Mietvertrag gekündigt, heißt es in der HNA. Angeblich wegen Lärm, Müllbergen und Drogenmissbrauch. Als die Clubbetreiber:innen wenigstens noch ihre Abschiedsparty feiern wollen, wird diese im Eilverfahren verboten, weil die Stadt bei einem Ansturm von 5000 Raver:innen aus ganz Europa mit Chaos und Vandalismus rechnet. Von den Kasseler Stadtoberen enttäuscht, findet die letzte Stammheim-Feier in Borken statt. Und so endet eine Ära im Exil. Wiederbelebungsversuche gibt es zwar, aber ohne Erfolg.

Immerhin die Kulturfabrik Salzmann e.V. und andere Mieter:innen können ihre Arbeit noch einige Jahre fortsetzen, bevor das Gebäude 2012 komplett geräumt werden muss. Als Nachfolgeclub fungieren für viele der gestrandeten ‚Heimkinder‘ das A.R.M. und die Weinkirche von Ralph Raabe, die 2019 insolvent gehen. Die Corona-Pandemie hat den verbliebenen Orten heftig zugesetzt. Von Clubsterben ist immer wieder die Rede, auch wenn es weiterhin eine aktive Kasseler Szene gibt, die sich gegenseitig unterstützt und Einfallsreichtum beweist.

Drei Freund:innen posieren lächelnd auf einer Party.
Die Residents Marky, Pierre und Chi
Glatzköpfige Person in Latzhose und Fliege lächelt auf Party.
Der Party-Guard Ernesto Plantera

Noch immer ragt die Salzmann-Fabrik als Monument vergangener Größe im Kasseler Stadtbild hervor, als ein Mausoleum vielfältigster Geschichten – ein ‚Ehrengrab‘ auch für das legendäre Aufschwung Ost/Stammheim. Leben: aktuell Fehlanzeige. Jüngst wurde das Areal allerdings an einen neuen Investor verkauft. Für Kultur sind immerhin Quadratmeter eingeplant. In der ersten Spielzeit der neuen Interimsspielstätte will das Schauspiel des Staatstheaters Kassel dem berühmten Techno-Club nun eine Hommage widmen, die weniger als Grabpflege gedacht ist denn als Zündfunke für die Zukunft. Um zu fragen: Welche Freiräume braucht eine Stadt? Welche Relevanz hat die Clubkultur heute und was ist sie einer Stadtgesellschaft wert?

Auf dem diesjährigen Frühlingsfest in der Nordstadt gehe ich ins Boreal, dem Biergarten am Kulturzentrum Schlachthof. Die Deko kommt mir seltsam bekannt vor. Ich wende mich an den Barkeeper, der mir wie selbstverständlich antwortet: „Ach, das ist doch die Deko vom Stammheim, von Stellmacher & Jensen.“ Stammheim ist vielerorts und sein Erbe lebt fort.

Quellen:
Jens Balzer: No Limit. Die Neunziger. Das Jahrzehnt der Freiheit. Frankfurt a.M. 2023.
Oliver Koletzki, Leon Schuck: A DJ’s DJ: Oliver Koletzki über DJ Chi; online erschienen am 8. Juli 2021 auf GROOVE (https://groove.de/2021/07/08/a-djs-dj-oliver-koletzki-ueber-dj-chi/; zuletzt abgerufen am 30.12.2025.)
Finn Johannsen: Anthems: Aufschwung Ost / Stammheim, Kassel (1994-2002), online erschienen am 29. November 2017: https://finn-johannsen.de/tag/stammheim/; zuletzt abgerufen am 30.12.2025.) Mit Best-Of-Tracklist von Resident DJ Marky.
Gruppen-Interview von Laura N. Junghanns und Alexander Olbrich mit den Stammheim Resident DJs Mark Pecnik („Marky“), Stefan Küchenmeister und Norman Müller, Michael Robert Schmeisser („Der Schmeisser“), Clubbetreiber Tim Marth u.a., geführt am 14. Mai 2025 im Club Graf Karl in Kassel.
Persönliches Interview von Laura N. Junghanns und Alexander Olbrich mit Ernesto Plantera, geführt am 3. Juni 2025 im Restaurant Il Convento in Kassel.

Zwei Darstellende in schwarzen Mänteln auf dunkler Bühne.
Frank Siebert, Nadine Strümpfler
Zwei Künstler:innen in auffälligen Outfits auf einer dunklen Bühne.
ClemensDönicke, Hagen Oechel
Bühnenkünstler:innen in extravaganten Kostümen bei der Vorbereitung.
Nora Quest, Annalena Haering, Laura Köppel, Victoria Koberstein, Philipp Staschull
Vier Darstellende in bunten, futuristischen Kostümen auf der Bühne.
Nicolas Sidiropulos, Laura Köppel, Nora Quest, Clemens Dönicke
Künstler:innen mit auffälligen Frisuren in dynamischer Performance.
Ensemble
Lachende Person in weißer Perücke und voluminösem Outfit auf Bühne.
Adriana Malain
Bühnenperformance mit kletternden Akteur:innen und DJ-Projektion.
Ensemble

DJ Chi's Setlist

Interview mit der Regisseurin Laura N. Junghanns für das Faze Magazin

Rave ist mehr als eine nostalgische Rückschau – Sie sprechen von einer Untersuchung eines Lebensgefühls. Was hat Sie persönlich an der Geschichte des Stammheims so fasziniert, dass daraus ein Theaterabend entstehen musste?


Das Projekt ist aus einer Sehnsucht heraus entstanden, mit der Frage, was bringt uns Menschen heute noch zusammen – entgegen der zunehmenden Vereinzelung? Dabei treffen meine zwei Heimaten aufeinander: das Theater und meine Liebe zur elektronischen Musik und Clubkultur. Im Kern frage ich mich: Was bedeutet Begegnung wirklich? Mit anderen, aber auch mit sich selbst? Und wie lässt sich dieses gemeinsame Fühlen beschreiben, für das Worte oft zu ungenau sind? Es geht um die Begegnung im Hier und Jetzt. Darum, andere und sich selbst einfach sein zu lassen. Es ist Ritual, ja auch Rausch, aber vor allem eines: Gemeinschaft. Ein Beat, der uns bewegt; ein Raum, der Freiheit schenkt und eine Essenz teilt, die sich wie ein kleines Stück bedingungslose Liebe anfühlt.


Die 90er standen für Utopie, Aufbruch und Entgrenzung. Wenn Sie diese Energie heute auf die Bühne bringen: Ist das für Sie eher ein politischer Kommentar zur Gegenwart oder eine emotionale Spurensuche?


Sowohl als auch. Gelebte Clubkultur ist für mich ein lebenswerter Gegenentwurf zu kapitalistischen Leistungsprinzipien und nichts weniger als eine friedenserhaltende Maßnahme im Miteinander, da sie immer auch eine Form von Menschlichkeit feiert.


Clubkultur lebt von Körperlichkeit, Sound, kollektiver Ekstase. Theater funktioniert anders. Wo lagen für Sie die größten Herausforderungen, dieses Rave-Gefühl authentisch in einen Bühnenraum wie das INTERIM zu übertragen?


Theater ist in der Art des Erlebens einer Clubnacht durchaus nah: extreme Verdichtung des inhaltlichen Materials mit teils absurden erzählerischen Zeitsprüngen und komplexer Mehrdimensionalität, wie sie die meisten Raver wohl auch aus der ein oder anderen Clubnacht kennen.
Meine Inszenierung in Kassel nimmt sich beispielsweise die Freiheit, die achtjährige Clubgeschichte des Stammheims, sowie die Nacht von Freitag auf Montag zu erzählen und das alles verdichtet auf einen Theaterabend! Bereits in der Konzeptionsphase des Projektes Mitte 2022 war mir klar, dass es bei meiner Inszenierung nicht darum geht, „Club zu spielen“, sondern vielmehr die inneren Vorgänge des Erlebens nach außen zu vergrößern. Für mich geht es sowohl im Theater als auch im Club um den Moment, um das Erleben, das gemeinsame Erleben, das im Hier und Jetzt sein, um das Hier und Jetzt zu sein.


Das Stammheim endete 2002 unter Konflikten rund um Lärm, Müll und Drogen. Erzählt Ihr Stück auch von den Schattenseiten dieser Ära – oder steht bewusst die Liebe zur Szene im Vordergrund?


Vielleicht wäre das Stammheim (bzw. Aufschwung Ost) heute noch einer der ältesten, aktiven Clubs Deutschlands, wenn unnötige, staatliche Bürokratie und der finanzielle Druck von außen nicht gewesen wären. Denn aufrichtiger Weise muss wohl die buchhalterische Unerfahrenheit der meisten Beteiligten benannt werden, die bei Gründung des Clubs kaum älter als 20 Jahre alt waren. Letztlich sollte jedoch meines Erachtens die Kritik grundsätzlich eher an das ungerechte kapitalistische System gerichtet werden, statt an die Menschen, die mutig genug sind, solche besonderen und wichtigen Spaces, wie es der Club Stammheim (bzw. Aufschwung Ost) war, zu kreieren. Es geht uns vor allem darum, den Mut und die Leidenschaft genau dieser Menschen zu würdigen, die gegen alle Widerstände einen so einzigartigen und prägenden Ort wie das Stammheim erschaffen haben. Die Liebe zur Szene ist das, was bleibt.

Bühnenbild mit drei Darstellenden in extravaganten Kostümen.
Laura Köppel, Hagen Oechel, Philipp Staschull, Nora Quest
Zwei Personen in auffälligen Kostümen, eine blickt zur Kamera.
Annalena Haering, Laura Köppel
Zwei bunt gekleidete Personen stehen auf einer Toilette in einer Kabine.
Annalena Haering, Laura Köppel
Theaterbühne mit vielfältig kostümierten Darstellenden und Videoprojektion.
Ensemble
Feiernde Menschen tanzen ausgelassen bei einer DJ-Performance.
DJ Chi, Ensemble
Bühnenaufführung mit Darstellenden, Hebebühne, Licht und Nebel.
Ensemble

Bringmann & Kopetzki

Das Artwork des Aufschwung Ost resp. Stammheim war legendär. Das Künstlerduo Jens Bringmann und Valentin Kopetzki gestaltete über acht Jahre die Außenwahrnehmung des Clubs durch aufwendige Flyer und Direkt Mailings, die sogenannte „Heimpost“ (zuvor Aufschwung (P)Ost). Die „Heimkinder“ bekamen also alle zwei Monate einen liebevoll gestalteten Brief, der sie ansprach, mitnahm, Vergangenes verarbeitete, Probleme in der Szene thematisierte und vor allem natürlich die nächste geile Party ankündigte. So wurden sie zu den Chronisten einer Ära, die sonst vielleicht für immer in den amphetamin-angereicherten Windungen einzelner Raver-Gehirne hätte bleiben müssen! Für unser Theaterstück waren sie in der Recherchephase wie im künstlerischen Prozess eine wesentliche Informations- und Inspirationsquelle.

Mit Ravelinde schufen sie eine Ikone, eine Rave-Göttin für den Club, die die Druckprodukte zierte und sich über die Jahre stets weiterentwickelte – inhaltlich, zeichnerisch und auch technisch, von analog zu digital, denn – ach, wir schreiben die unbeschwerten 90er Jahre, die von Aufbruchstimmung und Technik-Hype besessen waren, die Zeit, als Computer, Handy und Internet noch gerade entdeckte Wundermaschinen waren, die Nerds das magische Funkeln in die Augen trieb. Von 1994 bis 2002 wurden sie massentauglicher Standard. Auch die Künstler erkannten das Potenzial und mussten auf die damals noch behäbigen Maschinen umlernen, um in den Genuss der neuesten Features des Zeichnens, Colorierens und Bearbeitens zu kommen. Wie Bringmann & Kopetzki stets mit der Zeit gegangen sind, sieht man gut an den Flyern für den Club von 1994 bis 2002, die auch immer wieder popkulturelle Zitate aufgreifen – von Delacroix bis Star Wars!

Bringmann und Kopetzki waren aber vor allem auch Comiczeichner: Im renommierten Technomagazin Groove erschienen monatlich ihre Comics um den Raver Hotze, der die technoide Partycrowd an Werktagen auf seine Reise in die Nacht mitnahm und der Szene so einen humorvollen, pointierten Spiegel vorhielt. Sie halfen, den Club auch überregional bekannt zu machen.

Im Stück greifen wir die Arbeiten des Zeichnerduos in vielerlei Hinsicht auf: Im Büro der Crew stehen nicht nur stilecht alte vergilbte Rechner rum, sondern die Wände zieren Poster mit Ravelinde, auf dem Tisch liegen die Flyer aus und die Crew sendet an ihre Crowd echte Heimpost-Texte in die Live-Kamera. Zum Nachvollzug und mehr noch, weil sie kleine Kunstwerke sind, präsentieren wir hier unsere Auswahl und geben noch ein paar legendäre Flyermotive oben drauf – zum Schwelgen für die Nostalgiker und zum Entdecken für die Newcomer! Viel Spaaaß!

Welche Herausforderungen bot das Projekt für die Ausstattung?
Zwei Statements

Ariella Karatolou, Kostümbildnerin

Man kann nur scheitern, wenn man die Freiheit, die Purheit und die „Wildness“ der damaligen Techno- und Clubkultur reproduzieren will. No way. Man kann vielleicht ein paar Zitate wählen und sie theatral überhöhen, um überhaupt der immer interessanteren Realität näher zu kommen. Und das auch nur auf der sinnlichen Ebene: Farben, Formen, Materialität und Haptik. Die Brücke zwischen der damaligen Szene und heutigen Diversitätskämpfen zu schlagen – das war meine Challenge!

Elizaweta Veprinskaja, Bühnenbildnerin

Als ich die Pläne für das INTERIM bekommen habe, dachte ich nur: „OMG. Was für ein grauenvoller Raum! Wie kann man so etwas nur für eine gute Idee halten?“ Es war für mich ein szenografisches und architektonisches Monster. Etliche Entwürfe habe ich für Rave verwerfen müssen. Alles wirkte verloren in dem riesigen Raum, die Baustellengerüste haben jede versuchte Ästhetik überlagert, eine gute Sichtbarkeit war fast unmöglich. Nichts ging auf. Der einzige Ausweg war schließlich, fragmentarische Elemente zu entwerfen, die mit dem „Monster“ INTERIM harmonisch verschmelzen.

Fragen an das PLUS-Ensemble

Extra für die Produktion Rave wurde ein PLUS-Ensemble gecastet, Menschen aus der Stadtgesellschaft, die sich für die technoide Feierkultur interessieren und zum Teil selbst im Stammheim damals dabei waren. Die Projektleiterin Carlotta Rogge hat ein paar von ihnen zu ihrer Motivation, zur Probenzeit und dazu befragt, was für sie Rave mit Theater zu tun hat.

Frank

Was mich bewegt hat, bei dem Projekt mitzumachen?

Na ja, ich befinde mich ja in diesem Alter, wo ich das alles miterleben durfte. Und das war natürlich klasse. Und dann noch mal zurück in die Vergangenheit, das alles nochmal zu erleben, nur für einen Moment: das Tanzen, die Leute, die Kostüme und immer wieder das Tanzen, Tanzen bis zum Morgengrauen. Einfach nur fantastisch.

Ich hoffe, dass wir mit dem Stück andere Menschen erreichen, die das gar nicht kennen und die das sehen und sagen, wow, das war ja eine tolle Zeit. Das wäre natürlich toll, noch irgendwie neue Raver damit zu begeistern.

Wie wir die Probenzeit erlebt haben?

ich bin immer sehr aufgeregt und freue mich riesig, wenn es zur Probe geht. Das Arbeiten mit dem gesamten Team ist wunderbar und zaubert mir immer ein glückliches Gefühl in dieser Zeit. Viele Eindrücke, natürlich auch Nervosität, ob alles gut geht. Bin jetzt schon traurig, wenn alles vorbei ist. Dankeschön, dass ich dabei sein durfte!

Ob Rave was mit Theater zu tun hat?

Ich denke schon. So eine Rave-Nacht, die findet live statt. Die Musik, die Reihenfolge der Lieder, das hat auch was mit Kunst zu tun, finde ich, also dass alles so gut aufeinander abzustimmen, dass man sich wie in einer Art Trance befindet – nicht zuletzt durch die ganzen Lichteffekte!

Boris

Als ich schon angefangen hatte mit School of Rock und dann so ein bisschen mehr am Theater präsent war, habe ich mitbekommen: Da gibt es dieses neue Projekt! Ich habe mich daran erinnert, dass ich früher eben in den Aufschwung gegangen bin, ins Stammheim, und dass das eben meine Jugendzeit war.

Die Probenzeit hab ich eher zwiespältig erlebt, weil durch die Interimsspielstätte und das Schließen des Opernhauses ja viel Probleme entstanden, dadurch bei den Proben viel Pausen dazwischen waren. Die Proben mit den anderen Laiendarstellern fand ich sehr schön, auch mit unserer Choreografin Frida: Durch das Theater einen Tanzworkshop zu machen und das Tanzen intensiver wahrzunehmen und sich damit genauer auseinanderzusetzen, was für Ansätze es da gibt, fand ich sehr interessant. Und auch einfach sich mit anderen zusammen zu bewegen, als Laie in einem professionellen Setting.

Und was Rave mit Theater zu tun hat? Nun, ich bin kein Theatertheoretiker, aber es ist natürlich der Versuch, die Zeit von damals in Szene zu setzen, wobei die Vorstellung von heute, wie es damals war, auf die Bühne gebracht wird. Es ist alles ein wenig extrovertierter, etwas überschwänglicher, als es damals war. Aber es ist der Versuch, so den Spirit ein bisschen rüberzubringen. Und ich hoffe, dass wir das schaffen und denke auch, dass wir das schaffen!

Doris

Ich habe die Probenzeit als sehr rhythmisch, sehr bewegt erlebt, ich mag es dass man bei den Plusprojekten die Stückentwicklung mitgestaltet und auf diese Art Teil des Ganzen werden kann, es ergibt sich so die Möglichkeit, das "Theatermachen" kreativ mitzuerleben: immer wieder spannend und neu. Ich mache bei Rave mit, weil ich den Club selber erlebt habe und es eine besondere Zeit war: besonders bunt, besonders losgelöst, besonders experimentierfreudig, besonders anders. Dies nun so viele Jahre später noch einmal auf der Theaterbühne lebendig werden zu lassen, begeistert mich sehr und auch den Titel des Stücks finde ich außerordentlich gut gelungen👍🏻👍🏻👍🏻! Und ich finde es sehr spannend, da für mich der Club ein Stück Stadtgeschichte repräsentiert und er weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt war und die Menschen in Bewegung versetzt hat. Dass dies nun künstlerisch aufgearbeitet wird, finde ich sehr bedeutsam und ist so was wie eine "späte Ehre" an den längst verklungenen Beat und die längst vergangene Zeit ....ich freue mich schon auf die Endprobenwoche!

Fundstücke

Comic: Hotze: Verkehrte Welt; Bringman & Kopetzki
Hotze: Verkehrte Welt; Bringman & Kopetzki
Zeitungsseite mit Bildern und Texten zur Salzmanns Factory.
Portrait – Salzmanns Factory: Zentrum der Kultur. Infotip, 1. Jun 1995
Gescannte Publikation: 'Aufschwung Ost',Dezember 95/Januar 96.
Aufschwung (P)Ost, Dezember/Januar 95/96
Leuchtende Gestalt bei Technoparty mit tanzenden Besucher:innen.
Schriller Trip durch Zeit und Raum; HNA, 4. Jun 1996
Heimpost Jubiläums-Flyer: Fünf Jahre, 1994-1999.
Heimpost: Fünf Jahre, 1994-1999
Tanzende Personen auf der letzten Techno-Party im Stammheim.
5000 Leute und Chaos erwartet; HNA, 15. Feb 2022
Heimpost: Famous Last Words, Feb 2002
Heimpost: Famous Last Words, Feb 2002
Tanzende Menge im überfüllten Stammheim.
Noch ist der Ofen nicht aus; HNA, 20. Feb 2002

In Kooperation mit dem Club Graf Karl, der Familienfeier und Bringmann & Kopetzki.

Mit freundlicher Unterstützung der Gabelstapler Grazer GmbH und Tatyou.

Vielen Dank für die breite Unterstützung an alle unsere Interviewpartner:innen, an die Clubgründer, DJs, Dekokünstler, Thekenkräfte, Spindoktoren, Clubtherapeuten, Party Guards, an die Heimkinder, an die Raver:innen der ersten, zweiten, dritten, vierten und zweiundvierzigsten Stunde undundund - einfach an alle, mit denen wir sprechen durften und die für uns diese einzigartige Zeit an diesem phänomenalen Ort wieder aufleben ließen, ja, die uns an ihrem bis heute währenden Gemeinsinn teilhaben ließen. Es war eine schöne, aber auch lange Reise und auch wir könnten uns da versehentlich die ein oder andre Synapse weggeorgelt und mir nichts, dir nichts wen vergessen haben. Daher danke, danke, danke - aber ohne Anspruch auf Vollständigkeit - unter anderen an: Valentin Kopetzki, Jens Bringmann, Oliver Friedrich, Mark Pecnik (DJ Marky), DJ Stefan Küchenmeister, DJ Norman Müller, Karina und Henner Stang, Ulrike und Michael Schmeisser (Der Schmeisser), Ernesto Plantera, Klaus Fehlhaber (Stellmacher & Jensen), Till und Natascha Spehr, Ralf Lukas, Michaela Demmer, Goran Matic, Ralph Raabe, Oliver Leuer, Erhard Scherpf, Christine Mayerhofer, Jasmin Moll
und natürlich the one & only DJ Chi


Mit freundlicher Unterstützung von Gabelstapler Gratzer GmbH und Tatyou.
Wir danken belverde floristik & ambiente für die Premierenblumen.

Fotos: Isabel Machado Rios, 24. Feb 2026 und Sylwester Pawliczek, 5. Feb 2026 | Herausgeber: Staatstheater Kassel | Intendant: Florian Lutz | Geschäftsführender Direktor: Stefan Votel | Redaktion: Alexander Olbrich | Spielzeit 2025/26 | Gestaltung: Georg Reinhardt | Website: Stefan Endres | Änderungen vorbehalten.